Charlotte/Washington (dpa) - Jubel für Michelle Obama, Entsetzen vor der Schuldenuhr: Mit einer von Anhängern gefeierten Rede hat sich die amerikanische First Lady für die Wiederwahl ihres Ehemannes starkgemacht.

Präsident Barack Obama verdiene eine zweite Amtszeit, weil er den Kampf sozialer Probleme nicht als Politik ansehe, sondern als persönliche Aufgabe, rief die 48-jährige Michelle Obama jubelnden Delegierten beim Parteitag der Demokraten in Charlotte (North Carolina) zu. US-Kommentatoren reagierten positiv bis euphorisch. Doch gleichzeitig veröffentlichte das US-Finanzministerium in der Nacht zum Mittwoch die neuesten Zahlen zur Verschuldung - und die sind gewaltig hoch.

Die Staatsschulden überschritten die Marke von 16 Billionen Dollar (12,77 Billionen Euro), wie der Sender ABC berichtete. Nach der inoffiziellen Schuldenuhr («Debtclock») kletterten die Schulden erstmals in diese Höhe. Die Zahlen zum Ende August seien «unauffällig» auf der Website des Ministeriums veröffentlicht worden. Erst im Sommer 2011 war Amerika knapp der Zahlungsunfähigkeit entgangen. In letzter Minute hatten sich Demokraten und Republiker damals auf eine Erhöhung des Schuldenlimits auf knapp 16,4 Billionen Dollar geeinigt - doch diese Obergrenze könnte pünktlich zur Präsidentenwahl erreicht werden.

Der Auftritt der beliebten Präsidenten-Gattin zur besten TV-Sendezeit sollte Obama wichtige Sympathiepunkte für die Wahl am 6. November bringen. «Wir müssen noch einmal zusammenkommen und zusammenstehen für den Mann, dem wir vertrauen können, dass er dieses Land weiter nach vorn bringt», sagte Michelle Obama am Ende ihrer emotionalen Rede, in der sie tief in die Familiengeschichte eintauchte.

«Wenn es darum geht, unsere Wirtschaft wieder aufzubauen, dann denkt Barack an Leute wie meinen Vater und seine Großmutter», sagte sie und verwies auf die bescheidenen Verhältnisse, in denen beide aufwuchsen. Sie setzte damit einen Kontrapunkt zum republikanischen Herausforderer Mitt Romney, der Spross eines erfolgreichen Geschäftsmanns ist.

Michelle Obamas Auftritt war seit Tagen mit Spannung erwartet worden, nachdem in der vergangenen Woche Ann Romney bei dem Parteitag der Republikaner mit einer emotionalen Ansprache vorgelegt hatte. In einer hochgelobten Rede stellte auch sie ihren 65 Jahre alten Mann als treu sorgenden Familienvater dar.

Wie zuvor Ann Romney stellte Michelle Obama auch ihre persönliche Beziehung zu ihrem Mann in den Mittelpunkt ihrer Rede. Die Erfahrung der Präsidentschaft habe sie noch enger zusammengeführt. «Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber heute liebe ich meinen Mann sogar noch mehr als vor vier Jahren», sagte sie. Das liege auch daran, dass sie in der Zeit viel über ihn gelernt habe. «Ich habe aus erster Hand erfahren, dass Präsident zu sein Dich nicht verändert - es zeigt, wer Du bist.» Obama verfolgte die Rede mit seinen Töchtern Malia und Sasha vor dem Fernseher im Weißen Haus.

Die «Washington Post» sprach von einer «exzellenten Rede». Anders als Ann Romney sei es der First Lady gelungen, beides darzustellen - die persönlichen Stärken und die politischen Fähigkeiten ihres Mannes. Sie habe eine direkte Verbindung zum Wähler hergestellt. Mit ihrem großartigen Beitrag habe sie die Latte für den Rest des Parteitages sehr hoch gehängt. Auch die «New York Times» verglich die Reden von Ann Romney und Michelle Obama. «Beide Frauen waren überzeugend, aber Mrs. Obama, die schon früher vor einem Parteitag gesprochen hatte, legte den stärksten Auftritt hin.»

Am Mittwochabend wollen die knapp 6000 Delegierten Obama offiziell als ihren Kandidaten aufstellen. Die Nominierungsrede hält Ex-Präsident Bill Clinton. Obamas große Antrittsrede folgt am Donnerstag. Ziel des medienwirksamen Parteitages ist es, die Weichen für die Wiederwahl zu stellen. Für Romney hatte das in der vergangenen Woche laut einer am Dienstag veröffentlichten Gallup-Umfrage nicht funktioniert. Ihr zufolge kommt Romney auf 46 Prozent Zustimmung, Obama auf 47. Noch eine Woche zuvor habe Romney einen hauchdünnen Vorsprung gehabt.

Der dreitägige Parteitag war am Dienstag mit fast 50 Reden eröffnet worden. Der Bürgermeister der texanischen Stadt San Antonio, Julian Castro, trat direkt vor Michelle Obama auf und erhielt für seine harten verbalen Angriffe auf Romney viel Beifall in der prall gefüllten Basketball-Arena, die etwa 15 000 Zuschauer fasst. Auch Obamas ehemaliger Stabschef Rahm Emanuel, der heute Bürgermeister von Chicago ist, konnte die Demokraten in Begeisterung versetzen.

Ex-Präsident Jimmy Carter stellte Obama per Videozuschaltung ein blendendes Zeugnis in der Außenpolitik aus. «Präsident Obama hat das Ansehen der USA in der Weltgemeinschaft wiederhergestellt», sagte der 87-jährige Friedensnobelpreisträger.

Auf dem Parteitag unterstützten die Demokraten auch Obamas Vorhaben, die Steuern für Großverdiener zu erhöhen. Bürger mit einem Einkommen von mehr als 250 000 Dollar (198 000 Euro) sollen künftig kräftiger zur Kasse gebeten werden, heißt es in dem verabschiedeten Parteiprogramm. Für die restlichen 98 Prozent der Bevölkerung sollen die Steuern gleichbleiben. Die Republikaner lehnen Steuererhöhungen grundsätzlich ab.

Das Parteimanifest der Demokraten befürwortet im Gegensatz zu der republikanischen Version die gesetzliche Gleichbehandlung homosexueller Paare. Es bekräftigt auch das Recht der Frauen, selbst über eine Abtreibung zu entscheiden. Die Republikaner sind kategorisch gegen Abtreibungen, auch nach Vergewaltigungen, bei Inzest oder wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht.

Parteiprogramm der US-Demokraten

Website zum Demokraten-Parteitag

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Schuldenuhr Debtclock