Berlin (dpa) - Nach dem ganzen Trubel versuchte es der Parteichef mit einer Portion Humor. Manchmal komme es im Leben eben anders als geplant, plauderte Sigmar Gabriel vom Podium im Willy Brandt-Haus. «Sonst wäre es ja auch langweilig. Und langweilig, dass darf ich Ihnen versichern, ist es in der SPD nie.»

Noch eine weitere SPD-Ewigkeitsregel hatte Gabriel parat: «In der SPD ist alles wie früher: Am Ende behält Helmut Schmidt immer Recht.»

An dieser Stelle konnte sich sein Nebenmann Peer Steinbrück ein Schmunzeln nicht verkneifen. Als einer der ersten hatte der Altkanzler den Ex-Finanzminister zu seinem erklärten Liebling für die SPD-Kanzlerkandidatur ausgerufen. Und das wird Steinbrück nun auch. Ohne große Schnörkel bedankte er sich für die schnelle Ausrufung, von der er am Morgen noch nicht einmal etwas geahnt hatte.

Der Dritte auf dem Podium wirkte geradezu erleichtert, als ob eine schwere Last vom ihm abgefallen sei. «Peer Steinbrück ist der Richtige», stand für Frank-Walter Steinmeier fest, der durch seinen Verzicht erst den Weg freigemacht hatte. Steinmeier versprach dem anderen «Stone» einen so engagierten Einsatz im Wahlkampf «als wäre es mein eigener». Alle drei demonstrierten den festen Willen, sich gegenseitig nicht zu zerlegen. «Die Troika wird auch über den Tag hinaus halten», so Steinbrück.

Doch die Begleitumstände seiner kurzfristigen Inthronisierung waren nicht ohne Irritationen. Gabriel hatte eigentlich einen ganz entspannten Tag mit bayerischen Kommunalpolitikern geplant. Doch schon ganz früh am Morgen wurde er in seinem Münchner Hotel von beunruhigenden Neuigkeiten aus Berlin alarmiert. Dort hatte sich während der Nacht herumgesprochen, dass Steinmeier längst aus dem K-Rennen ausgestiegen war.

Anfang September hatte er Gabriel dies nach Rückkehr aus seinem Südtirol-Urlaub mitgeteilt - aus rein «persönlichen Gründen», wie Steinmeier jetzt betonte. Spätestens damit war klar: Die K-Frage läuft auf Steinbrück hinaus. Das Trio verabredete striktes Stillschweigen. Der Zeitplan für die Kür - frühestens Ende 2012, spätestens nach der Niedersachsen-Wahl Ende Januar 2013 - dürfe auf keinen Fall Makulatur werden, hieß es immer wieder.

Bislang konnte Gabriel zuversichtlich sein, die Strategie des Offenhaltens der K-Frage durchzuhalten. Doch nach dem abrupten Ausscheren Steinmeiers war dies auf einmal hinfällig. Was den Fraktionschef antrieb, Gabriels Linie zu durchkreuzen, darüber wurde eifrig spekuliert. Offenbar kam Steinmeier zu der Ansicht, die SPD werde mit ihren Botschaften erst durchdringen, wenn die K-Frage geklärt ist.

Besonders in den vergangenen Tagen waren allerdings auch einige Risse in der Troika-Harmonie zu spüren. Ganz deutlich wurde dies bei Gabriels Rentenkonzept. Vor allem dem Lager der beiden «Stones» schmeckte immer weniger das ständig größer werdende Potpourri an kaum bezahlbaren Versprechungen, die der Arbeitnehmerflügel serviert bekam..

Dass die Parteilinke damit aber immer noch nicht zufrieden ist und noch mehr fordert, steigerte den Unmut. Nicht wenige in der Fraktion hielten es am vorigen Montag für einen gravierenden Fehler Gabriels, dass er trotz aller Zugeständnisse nicht wenigstens die Abstimmung über das künftige Rentenniveau gewagt hat. Immerhin teilte Gabriel jetzt mit, darüber werde nun doch schon kommenden Montag entschieden, wenn Steinbrück vom SPD-Vorstand offiziell aufs Schild gehoben wird.

Der turbulente SPD-Tag lässt nicht besonders viel Gutes für den Wahlkampf ahnen. Vor allem der SPD-Linken bleibt der als «Agenda»-Mann Gerhard Schröders abgestempelte Steinbrück höchst suspekt. Ihre Sprecherin Hilde Mattheis protestierte bereits, die Partei werde nun vor vollendete Tatsachen gestellt.

Aus einer Klemme könnte Steinbrück der eigenen Partei 2013 allerdings helfen. Nimmt man ihn beim Wort, wird es mit ihm keine neue große Koalition geben. Ein solches Bündnis mit ihm als Minister sei nicht zu machen - jedenfalls «nicht zum Preis von Merkel», bekräftigte er jüngst noch einmal.