Washington (dpa) - Wenn ausgerechnet Chris Christie nichts als überschwängliche Lobesworte für US-Präsident Barack Obama findet, dann muss die Welt wirklich Kopf stehen. Der republikanische Gouverneur von New Jersey zählt zu den wichtigsten Fürsprechern von Obama-Herausforderer Mitt Romney.

Eigentlich lässt er vor der Präsidentenwahl am 6. November keine Gelegenheit zu beißender Kritik am Amtsinhaber aus. Doch am Dienstag war alles anders: Wirbelsturm «Sandy» hatte in der Nacht ein solches Chaos in Christies Heimatstaat angerichtet, dass ihm die Lust am Wahlkampf vorerst vergangen war.

«Ich will dem Präsidenten persönlich für all seine Hilfe danken», sagte Christie in jedem Fernsehinterview. Obama habe die Lage perfekt im Griff und stünde dem mit Todesopfern, Stromausfällen und Sturmfluten geschlagenen New Jersey fest zur Seite. Solch lobende Worte für Obama ließen Politikbeobachter staunen, aber sie standen für die Stimmung im ganzen Land: Der Wahlkampf scheint den Wassermassen zu weichen, der pfeifende Sturmwind die bissigen Slogans zu übertönen. Doch der Schein trügt. In Wahrheit geht die Schlacht auch in der Katastrophe weiter, nur nicht so laut.

Keiner der Kandidaten kann es sich wirklich leisten, im Endspurt des milliardenteuren Kopf-an-Kopf-Rennens plötzlich von der Bildfläche zu verschwinden. Zwar zog sich Obama ins Weiße Haus zurück und konzentrierte sich auf seinen Job als «Oberbefehlshaber» der Rettungsbehörden. Aber dafür schickte er First Lady Michelle, Vizepräsident Joe Biden und Ex-Präsident Bill Clinton zu den Kundgebungen. Seine Werbespots nahm Obama ebenfalls nicht aus den Fernsehprogrammen - auch die Einwohner der betroffenen Staaten bekamen zwischen den Hurrikan-Schreckensmeldungen seine Wahlwerbung zu sehen.

Für Romney war es problematischer, das richtige Gleichgewicht aus Wahlkampf und Zurückhaltung zu finden. Einen Auftritt im hart umkämpften Swing State Iowa am Montag taufte er spontan in eine «Hilfsveranstaltung gegen den Sturm» um, und für Dienstag plante er eine ebensolche Wahlkampfkundgebung - die nicht so heißen soll - im möglicherweise wahlentscheidenden Ohio. «Es ist eine schwierige Situation für den Herausforderer, den richtigen Ton zu finden», sagte die ehemalige Redenschreiberin des republikanischen Ex-Präsidenten George W. Bush, Mary Cary, dem Web-Magazin Politico. «Ich glaube, im Moment lässt sich nicht punkten.»

Besonders nervenaufreibend ist die Lage für die Wahlkampfteams, weil Obama und Romney im Rennen ums Weiße Haus laut Umfragen noch immer praktisch gleichauf liegen. Die Internetplattform RealClearPolitics ermittelte am Dienstag, dass derzeit 48 Prozent der US-Wähler für den Herausforderer stimmen würden und 47,1 für den Amtsinhaber. Auch in den besonders umkämpften «Battleground States» herrscht in der Summe weitgehend ein Patt. Und die Möglichkeiten, jetzt noch entscheidende Stimmen zu sammeln, schwinden rasant: «Wir verlieren offensichtlich eine Menge Zeit für die Kampagne», sagte Obamas langjähriger Berater David Axelrod.

So bemühen sich beide Seiten, ihren Kandidaten so unauffällig wie möglich als starken Führer in Zeiten der Krise zu präsentieren. Obama bat die Millionen Menschen auf der Mailing-Liste seiner Kampagne, diesmal nicht für seinen Wahlkampf, sondern für Sturmopfer zu spenden. «Wir werden das zusammen überstehen», sagte er mit treu sorgendem Blick in die Fernsehkameras und tat so, als wäre der Kampf ums Weiße Haus jetzt nicht mal mehr eine Nebensache: «Die Wahl wird sich schon um sich selbst kümmern.» Auch Romney bat seine Anhänger, ihr Geld jetzt lieber ans Rote Kreuz zu überweisen.

Die große Frage, welchem der beiden Kandidaten der Wirbelsturm «Sandy» bis zur Entscheidung am 6. November tatsächlich mehr geholfen haben könnte, blieb zwar Anlass aufgeregter Spekulationen in den USA. Doch für schlüssige Antworten war es am Dienstag zu früh. Erst einmal musste der wahre Schaden der Unwetterkatastrophe bei Tageslicht besehen werden.

Umfragen RealClearPolitics