KonflikteDramatische Eskalation nach Anschlag in Tel Aviv

Tel Aviv/Gaza/Jerusalem (dpa) - Die Bemühungen um einen Waffenstillstand im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Gazastreifen haben einen herben Rückschlag erlitten. Bei einem Bombenanschlag auf einen Stadtbus in Tel Aviv wurden nach israelischen Polizeiangaben mindestens 20 Menschen verletzt.

Die radikal-islamische Hamas begrüßte die Tat. Es war der erste Bombenanschlag in Tel Aviv seit 2006. Damit wächst die Gefahr einer israelischen Bodenoffensive gegen den Gazastreifen erneut.

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Im Fernsehen war zu sehen, wie dichter Qualm aus dem Fahrzeug drang. Die Scheiben waren teilweise zersplittert. Der Ort des Anschlags wurde weiträumig abgeriegelt, Krankenwagen rasten durch die Stadt, Hubschrauber überflogen die Gegend. Die Behörden sprachen von mindestens 20 Verletzten. Mindestens ein Unbekannter hatte nach ersten Angaben der Polizei einen Sprengsatz in den Bus geschleudert und dann die Flucht ergriffen. Ein zweiter Mann sei festgenommen worden, berichteten Medien.

Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas begrüßte allerdings die Tat. «Wir gratulieren unserem Volk zu dieser heldenhaften Tat», hieß es in einer Mitteilung, die am Mittwoch über die Lautsprecher von Moscheen im Gazastreifen verlesen wurde. Es handele sich um eine «natürliche Reaktion» auf die Tötung von Zivilisten durch die israelische Luftwaffe, hieß es im Hamas-Fernsehsender.

Die USA verurteilten den Anschlag. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Familien der Verletzten und der israelischen Bevölkerung», hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton, die im Rahmen ihrer Mission zur Vermittlung einer Waffenruhe in Kairo eingetroffen war, zeigte sich betroffen. «Wir bleiben in engem Kontakt mit Premierminister (Benjamin) Netanjahus Team», sagte Clinton. «Die USA stehen bereit, Israel jede Hilfe zu geben, die es braucht.»

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Anschlag «auf das Schärfste». Er sei schockiert und traurig, sagte Ban nach einer in New York verbreiteten Mitteilung. «Kein Umstand rechtfertigt es, Zivilisten ins Visier zu nehmen.» Auch Ban bemüht sich gegenwärtig bei Gesprächen in Ägypten, Israel und dem Westjordanland um eine Feuerpause und eine diplomatische Lösung für den Konflikt.

Bis zu dem Anschlag hatte es Hoffnungen gegeben, dass ein bereits am Vorabend erwarteter Durchbruch bei den Bemühungen um ein Ende der Gewalt doch noch zustande kommen könnte. Vermittler wie Clinton und Ban versuchten auch danach, eine Feuerpause zwischen den verfeindeten Seiten auszuhandeln. Unterdessen gingen die israelischen Angriffe im Gazastreifen mit unverminderter Härte weiter. Auch militante Palästinenser feuerten wieder Raketen auf Israel ab.

Die Opferzahl stieg vor allem im Gazastreifen weiter. Die Zahl der Toten in der Enklave am Mittelmeer erhöhte sich auf mindestens 147. Mehr als 1100 Menschen wurden seit Beginn der Feindseligkeiten am Mittwoch vergangener Woche verletzt, sagte in Gaza der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Aschraf al-Kedra. In Israel starben durch palästinensische Raketen im gleichen Zeitraum fünf Menschen, 80 wurden verletzt. Im Westjordanland wurden bei Protesten gegen die Luftangriffe mindestens vier Menschen bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten verletzt.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, verurteilte Israels Angriffe auf den Gazastreifen als «Schandmal auf dem Antlitz der Menschlichkeit». Er hatte das Palästinensergebiet am Vortag besucht. «Die Blockade dort hat das Niveau eines Kriegsverbrechens erreicht», sagte er am Mittwoch in Kairo.

Der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani bestätigte am Mittwoch zum ersten Mal, dass sein Land der Hamas militärische Hilfe leiste und darauf «stolz» sei. «Die arabischen Länder veranstalten Konferenzen und reden nur, aber sie müssen wissen, dass die Palästinenser dies nicht brauchen. (...) Wir sind daher stolz zu verkünden, dass unsere Hilfe für Hamas finanziell und militärisch ist», sagte Laridschani nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars.

US-Außenministerin Clinton traf am Nachmittag zu Gesprächen mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi in Kairo ein. Sie hatte am Vorabend die Bedeutung einer für alle Seiten akzeptablen Lösung des Konflikts hervorgehoben.

Grundlage einer möglichen Vereinbarung über ein Ende der Kämpfe sollte nach Informationen des israelischen Rundfunks sein, dass Vertreter Israels, Ägyptens und der USA die Waffenruhe überwachen. Wie es unter Berufung auf die Regierung in Jerusalem hieß, soll die Vereinbarung den Menschen im Süden Israels zumindest ein bis zwei Jahre Sicherheit vor Angriffen garantieren.

Bei einer Generaldebatte im Bundestag in Berlin stellte sich Kanzlerin Angela Merkel im Nahost-Konflikt erneut klar auf die Seite Israels. Die Hamas habe mit dem Beschuss begonnen, sagte sie am Mittwoch in der Generaldebatte im Bundestag. «Es gibt das Recht auf Verteidigung. Und dieses Recht hat der israelische Staat.»

Die Bundesregierung wollte ihre Bemühungen um eine Waffenruhe im Gaza-Konflikt nochmals verstärken, kündigte Außenminister Guido Westerwelle an. «Wir alle sind enttäuscht darüber», sagte er zu den am Vorabend gescheiterten Bemühungen um eine Feuerpause.

Israelische Armee

Israelischer Ministerpräsident

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  • Quelle dpa