ParteienAnalyse: Ich bin einer von Euch

Hannover (dpa) - Peer Steinbrück verbeugt sich, hebt die Hände in Siegerpose. Genau 105 Minuten lang hat er mit einer fulminanten Rede den SPD-Parteitag in Hannover in seinen Bann gezogen. «Zugabe, Zugabe!» wird von unten gerufen. Steinbrück dürfte mit jeder Faser spüren: Er hat den richtigen Ton getroffen.

Der Applaus brandet auf und will lange nicht enden. Knapp elf Minuten wird der Redner begeistert gefeiert. Steinbrück tut die Zuneigung sichtlich gut.

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Die Dauer des Beifalls ist auch ein kleines Fernduell. Nicht einmal eine Woche ist es her, dass der Frau, die Steinbrück in zehn Monaten ablösen möchte, in einer Messehalle ganz in der Nähe auf dem CDU-Kongress sieben Minuten 45 Sekunden gehuldigt wurde. Diese Vorgabe von Kanzlerin Angela Merkel soll möglichst übertroffen werden. Und mit einigen Aufmunterungen der SPD-Oberen wird es auch geschafft.

Rückblende: Um 12.59 Uhr betritt Steinbrück die kleine Arena fast in der Hallenmitte, noch als designierter Kandidat. Er weiß um die hohen Erwartungen. Vom «einem der wichtigsten Tage in meinem Leben» hat der 65-Jährige vorher gesprochen.

Steinbrück blickt auf so viele Delegierte wie noch nie auf einem SPD-Kongress. 600 sind es diesmal, bisher waren es immer 480. Erst vor einem Jahr war die Aufstockung beschlossen worden, um das Gewicht der SPD-Basis zu stärken.

Steinbrück gibt spürbar sein Bestes. Tempo, Witz, Schlagfertigkeit, Pointen - fast sein ganzes anerkanntes rhetorisches Können kommt zum Einsatz. Denn er weiß: Heute geht es um mehr. Er hat nicht nur die Aufgabe, einer verunsicherten Partei wegen der fehlenden Wechselstimmung wieder Selbstbewusstsein einzubläuen.

Der Ex-Finanzminister muss auch - wenn auch bislang nur leise formulierte - Zweifel zum Verstummen bringen, er sei vielleicht doch nicht der richtige Herausforderer, stehe nicht so recht für soziale Gerechtigkeit. Und er muss schließlich dem Parteivolk klarmachen, warum er Merkels Job unbedingt haben will.

Und gemessen an der Begeisterung schafft er diese Ziele. Beim Warmreden holt ihn allerdings kurz die eigene Vergangenheit ein: Greenpeace-Aktivisten entrollen hinter seinem Rücken unter Buh-Rufen ein Transparent mit der Aufschrift «Genug Kohle gescheffelt». Der Spruch ist zweideutig. Nicht ganz klar wird, ob das mehr auf Steinbrücks Vortragshonorare abzielt oder die SPD-Energiepolitik.

Der Kandidat lässt sich davon nicht groß irritieren. Er beginnt mit einer persönlichen Geste und überreicht den ersten Blumenstrauß des Tages an den langjährigen SPD-Vordenker Erhard Eppler, der seinen 86. Geburtstag feiert. Neben Eppler sitzen andere Parteilegenden wie Helmut Schmidt und Egon Bahr. Auch Gerhard Schröder ist gekommen.

Fast alle spricht Steinbrück persönlich an. Ausführlich erinnert er an die lange SPD-Geschichte. «Wir sind seit 150 Jahren die Partei, auf die Menschen sich verlassen können», ruft er ins Publikum. An den SPD-Werten habe sich nichts geändert. «In der Verpflichtung dieser Werte bewerbe ich mich als Bundeskanzler für die Bundesrepublik Deutschland.»

Mehrfach bemüht sich Steinbrück sichtlich darum, auch die Herzen der Delegierten zu gewinnen. Ich bin einer von Euch, stolz darauf, Mitglied dieser Partei zu sein, lautet seine Botschaft.

Besonders gut kommen persönliche Passagen an. Er zitiert aus Briefen seiner beiden Großväter, von denen einer von Nazi-Schergen umgebracht wurde. Erzählt von seiner Mutter, seinen Studententagen und wie er zur SPD gekommen ist.

Im politischen Teil gibt es kaum weniger Applaus. Natürlich stehe er für soziale Gerechtigkeit, betont Steinbrück wiederholt. Ausführlich legt er sich für mehr Frauenrechte ins Zeug. Bei weiblichen Wählern wird ihm noch viel Nachholbedarf nachgesagt.

Es gehe im kommenden Jahr nicht nur um einen Machtwechsel. Er stehe für einen klaren Richtungs- und Politikwechsel gemeinsam mit den Grünen. Dafür gibt Steinbrück die Marschrichtung vor: Mindestlohn, faire Löhne, Rente oder bezahlbare Mieten.

Steinbrück attackiert die Kanzlerin scharf, ohne persönlich verletzend zu werden. Inzwischen hat er gelernt, dass das beim breiten Publikum nicht so gut ankommt. Auf die leidige Debatte um seine Vorträge geht Steinbrück erst ganz zum Schluss ein. Er dankt für die breite Solidarität in der SPD. «Meine Vortragshonorare waren Wackersteine, die ich in meinem Gepäck habe und Euch auf die Schultern gelegt habe», sagt er mit etwas leiser Stimme und fügt hinzu: Ich danke Euch, dass ihr mit mir diese Last getragen und ertragen habt.»

Fast alles an diesem Tag ist auf Steinbrück zugeschnitten. Die übrigen Reden sind nur Beiwerk. Parteichef Sigmar Gabriel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft drehen rhetorisch nicht besonders groß auf - sie wollen dem Hauptakteur nicht die Show stehlen. Altkanzler Helmut Schmidt verzichtet sogar auf seinen angekündigten Beitrag.

Dann geht es plötzlich ganz schnell. Die Luft ist ohnehin raus, als Steinbrück fertig ist. Lokalmatador Stephan Weil, der mit einem SPD-Sieg bei der Niedersachsen-Wahl in fünf Wochen auch Steinbrücks Wahlkampf beflügeln soll, verkündet das Wahlergebnis. 93,5 Prozent. Das ist schlechter als Merkels Ergebnis in der CDU. Steinbrück zeigt sich trotzdem zufrieden.

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  • Quelle dpa