StahlThyssenKrupp-Chef prangert Führungsversagen an

Essen (dpa) - Nach dem Milliardendebakel bei ThyssenKrupp hat Konzernchef Heinrich Hiesinger massives Führungsversagen angeprangert und einen kompletten Neuanfang angekündigt. «Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schief gelaufen ist».

Das sagte Hiesinger, der selbst erst seit Anfang 2011 an der Vorstandsspitze steht, am Dienstag in Essen. Der Aufsichtsrat hatte am Vorabend den halben Konzern-Vorstand zum Ende des Jahres entlassen. Der größte deutsche Stahlkonzern muss einen Rekordverlust von fünf Milliarden Euro für das zurückliegende Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) verkraften. Hintergrund sind vor allem massive Verluste beim Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA. Auf die mittlerweile zum Verkauf stehenden Stahlwerke mussten weitere rund 3,6 Milliarden Euro abgeschrieben werden. Hiesinger nannte das Ausmaß der Fehlinvestitionen dramatisch.

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«Das Desaster bei Steel Americas hat uns gezeigt, dass unsere Führungskultur an vielen Stellen des Unternehmens versagt hat», sagte Hiesinger. Seilschaften und blinde Loyalität seien bei ThyssenKrupp oft wichtiger gewesen als unternehmerischer Erfolg. «Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden.» Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass «Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten», kritisierte Hiesinger, der erst vor zwei Jahren von Siemens zu ThyssenKrupp gewechselt war.

Er wolle nach Fällen von unsauberen Geschäftspraktiken eine neue Unternehmenskultur etablieren und alte Strukturen aufbrechen. Am Vorabend hatte der Aufsichtsrat den Rauswurf des halben Vorstands beschlossen. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Über eine Neubesetzung des Vorstands sei noch nicht entschieden, sagte Hiesinger. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

Dem Aufsichtsrat des Konzerns unter Vorsitz von Gerhard Cromme bescheinigte Hiesinger dagegen eine verantwortungsvolle Wahrnehmung seiner Aufgaben. Dabei seien die Kontrolleure jedoch entscheidend auf Informationen des Vorstands angewiesen gewesen. «Es hat vom Vorstand immer plausible Antworten gegeben, die es dem Aufsichtsrat erlaubt hatten, zuzustimmen», sagte Hiesinger unter Verweis auf zwei Gutachten. Dabei hätten sich jedoch viele der Annahmen als zu optimistisch und als falsch erwiesen.

Kleinaktionäre forderten dagegen eine offene Diskussion auch über die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden. Bei der Hauptversammlung im Januar will sich der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, nur dann für eine Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat aussprechen, wenn zuvor die notwendige Transparenz geschaffen worden sei, teilte er mit.

Derweil lässt der Aufsichtsrat erneut die Rolle des alten Vorstands unter Leitung des langjährigen Vorstandschefs Ekkehard Schulz und mögliche Schadensersatzforderungen prüfen. Ein Ergebnis der Auswertung soll im Januar vorliegen.

Hiesinger kündigte eine Verschiebung der Gewichte innerhalb des Konzerns hin zur Technologiesparte an. Nach den Verkäufen der Edelstahlsparte Inoxum und des Stahlgeschäfts in Übersee werde sich der Umsatzanteil der Stahlproduktion in dem Konzern von 40 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent weiter reduzieren. «Anders ausgedrückt: 70 Prozent, der weit größere Teil, sind Material-und Logistikdienstleistungen sowie Industriegütergeschäfte», sagte er.

Der Gesamtbetriebsratschef von ThyssenKrupp Steel, Günter Back, warnte davor, das Aufräumen auf Kosten der Beschäftigten gehen zu lassen und machte Fehlentscheidungen des Managements für den Riesenverlust verantwortlich. «Man hat alles auf eine Karte gesetzt und sich ein Stück weit verzockt», sagte am Dienstag dem Radiosender «WDR5». Die Verluste ließen sich seiner Meinung nach nur im Stahlbereich ausgleichen. Back betonte, der Betriebsrat werde «mit Argusaugen darauf achten, dass es eben nicht zulasten der Beschäftigten geht.»

An der Börse ging die Thyssenkrupp-Aktie auf Achterbahn-Kurs. Nach anfänglicher Talfahrt um fast dreieinhalb Prozent stieg sie danach im Tagesverlauf um mehr als dreieinhalb Prozent nach oben. Damit setzte sich ThyssenKrupp an die Dax-Spitze.

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  • Quelle dpa