Berlin (dpa) - Der Rücktritt von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach Entzug ihres Doktortitels ist in Politik und Wissenschaft mit großem Respekt aufgenommen worden.

Schavans Nachfolgerin, die bisherige niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU), soll an diesem Donnerstag die Amtsgeschäfte in Berlin übernehmen. Laut einer Umfrage der «Bild am Sonntag» sieht eine Mehrheit der Bürger Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Union durch die Affäre beschädigt.

Merkel und Schavan gaben am Samstagmittag gemeinsam im Kanzleramt den Wechsel bekannt. «Ich habe diesen Rücktritt sehr schweren Herzens angenommen», sagte die sichtlich bewegte Kanzlerin. Mit Schavan verlasse eine der anerkanntesten und profiliertesten Bildungs- und Forschungspolitikerinnen die Regierung. Schavan bekräftigte erneut, sie werde gegen den Entzug ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf gerichtlich vorgehen.

Die Kanzlerin würdigte Schavans Arbeit. Sie habe sieben Jahre im Bund und zuvor bereits zehn Jahre als Kultusministerin in Baden-Württemberg im Dienste von Bildung und Forschung gestanden. «Das sucht seinesgleichen. Und man kann sagen, Annette Schavan lebt als Bildungs-, Forschungs- und Wissenschaftspolitikerin», fügte die Kanzlerin hinzu. Mit ihrem Schritt stelle Schavan nun ihr eigenes Wohl hinter das Wohl des Ganzen. Merkel hatte ihrer langjährigen engen Vertrauten noch am letzten Mittwoch ihr «volles Vertrauen» aussprechen lassen.

Auch Wissenschaftler und Politiker aus der Koalition wie der Opposition zollten Schavan für ihre Arbeit Anerkennung und Respekt. Ihr Rücktritt wurde weitgehend als konsequent gewertet. Die Opposition sieht allerdings dadurch auch Merkel und die Koalition geschwächt.

Schavan begründete ihren Abgang ebenfalls mit dem Respekt vor ihrem Amt. «Ich habe in meiner Dissertation weder abgeschrieben noch getäuscht», versicherte die 57-Jährige und fügte hinzu: «Die Vorwürfe, das habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach gesagt, treffen mich tief.» Ihre Klage gegen die Entscheidung sei aber unweigerlich mit Belastungen für die Regierung und die CDU verbunden. «Und das genau möchte ich vermeiden, das geht nicht, das Amt darf nicht beschädigt werden.»

Schavan dankte Merkel für das jahrelange Vertrauen: «Freundschaft hängt nicht an Amtszeiten und wirkt über diesen Tag hinaus.» Schavan hatte der Kanzlerin bereits am Freitagabend nach Rückkehr aus Südafrika den Rücktritt angeboten. Am Samstagmorgen informierte die Merkel Bundespräsident Joachim Gauck.

Nach Überzeugung Merkels bringt Schavans Nachfolgerin Wanka durch lange berufliche Erfahrung «beste Voraussetzungen» mit. «Ich habe mich gefreut, dass sie mir für diese Aufgabe zugesagt hat», betonte die Kanzlerin.

Die 61-jährige Wanka fungierte bislang in zwei Bundesländern als Wissenschaftsministerin. Von 2000 bis 2009 leitete die gebürtige Sächsin in Brandenburg während der SPD/CDU-Koalition das Hochschulressort. 2010 wechselte sie als Wissenschaftsministerin nach Niedersachsen. Nach der CDU-Niederlage bei der Landtagswahl hätte sie allerdings ohnehin dieses Amt in den nächsten Tagen verloren. Die promovierte Mathematikerin gilt als konservativ und pragmatisch. In der Wissenschaftspolitik hat sie bisher allerdings wenig Spuren hinterlassen.

62 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut Emnid für die «Bild am Sonntag» befragten Bundesbürger sehen in der Plagiatsaffäre einen Nachteil für Union und Kanzlerin, nur 31 Prozent erkennen keinen Schaden. Anfang Mai 2012 waren im Internet anonyme Plagiatsvorwürfe gegen Schavan erhoben worden. Die Ministerin hatte daraufhin die Universität gebeten, ihre Arbeit zu überprüfen. Die Prüfung führte in dieser Woche zum Entzug des Titels.