Paris (dpa) - Stéphane Hessel hatte im akkuraten Anzug und mit seinem wohlwollenden Blick mehr von einem emeritierten Professor als von einem Protestler und Rebellen.

Mit seinem Manifest «Empört euch!» (Indignez-vous!) von 2010 wurde der Diplomat und Schriftsteller aber zu Frankreichs neuer Kämpferfigur und zur Ikone der Occupy-Bewegung. Schon hochbetagt, erreichte er mit dem kapitalismuskritischen Text gleichsam über Nacht einen Kultstatus, den er sich selber nur schwer erklären konnte. «Ich glaube, ich habe einfach nur den richtigen Moment mit meiner Kampfschrift getroffen», sagte Hessel.

Im Alter von 95 Jahren ist der ehemalige Widerstandskämpfer, Überlebender des KZ Buchenwald, in der Nacht zum Mittwoch in Paris gestorben. «Sein Leben, sein Handeln, seine tiefe Liebe zur Poesie machen Stéphane Hessel zu einer einmaligen Erscheinung in Politik, Geschichte und Kultur», würdigte ihn Nike Wagner, die Chefin des Weimarer Kunstfestes, wo Hessel vor zwei Jahren die Ansprache vor dem Konzert «Gedächtnis Buchenwald» gehalten hatte. «Einen wie ihn brauchen wir auf Erden!» Frankreichs Staatspräsident François Hollande erklärte: «Er war ein bedeutender Mensch, der sein außergewöhnliches Leben der Verteidigung der menschlichen Würde gewidmet hat.»

In seiner Kampfschrift rief Hessel die Weltbürger auf, sich über den Zustand der Welt zu empören: über soziale Ungerechtigkeit, Fremdenhass, die Gier der Finanzwelt und die Verletzung der Menschenrechte. «Es wurden seit 1948 auch wichtige Verbesserungen erreicht: die Dekolonisierung, das Ende der Apartheid, der Fall der Mauer. Leider war das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts dann wieder ein Rückschritt», schrieb er in dem nur knapp 30 Seiten langen Büchlein.

Seine schmale Protestschrift wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und verkaufte sich weltweit millionenfach. Man lud ihn zu Gewerkschaftstreffen und Ökoveranstaltungen ein, auf denen er sich über die Politik des Kapitals echauffierte und Thesen zur Umwelt entwickelte. Wenn Hessel sich in seinen Reden ereiferte, konnte er das Publikum mit seinem Charisma mitreißen. Im Jahr 2011 legte er nach und veröffentlichte «Engagiert euch», ein weiterer Aufruf zum aktiven Einsatz für eine bessere Welt. Der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, nannte Hessels Tod einen großen Verlust für die Protestbewegung.

Protest, Empörung, Zivilcourage. Darum geht es Hessel in seinen Schriften. Und daran hat es ihm zeitlebens nie gefehlt. Er stammte aus einer jüdisch-protestantischen Familie. 1917 wurde er in Berlin geboren, 1925 zog er mit seinem Vater, dem bekannten Schriftsteller Franz Hessel, und seiner Mutter, der Journalistin Helen Grund, nach Paris. Aus Protest gegen das Hitler-Regime wurde er 1937 zum französischen Staatsbürger und schloss sich 1941 der Résistance an.

Im Juli 1944 wird er verraten und von der Gestapo verhaftet. Er überlebt Terror und Folter in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora. Seither widmet sich der Autor dem Kampf für Menschenrechte. Als französischer Diplomat und als Kommissionssekretär der Vereinten Nationen wirkt er am Text der 1948 verabschiedeten UN-Menschenrechts-Charta mit.

Hessel war für zahlreiche Nichtregierungsorganisationen tätig. Als Botschafter der Organisation «La voix des enfants» reiste er mehrmals in die palästinensischen Gebiete. Er gehörte zu jenen, die die Politik Israels als Demütigung der Palästinenser verurteilten und sie eine Schande und eine Verletzung der Menschenrechte nannten.

Was Hessel schrieb und sagte, waren Überzeugungen, die aus seiner bewegten Biografie heraus entstanden sind. Möglicherweise lag darin der unglaubliche Erfolg seines Protests mitbegründet.