Berlin (dpa) - Mit einem Teilnehmerrekord und Appellen an die Politik hat am Montag in Berlin die dreitägige Internetkonferenz re:publica begonnen.

Rund 5000 Personen diskutierten nach Angaben der Veranstalter über die Verschmelzung von Online- und Offline-Leben sowie über die Freiheit im Internet.

Für Diskussionen sorgten die aktuellen Pläne der Deutschen Telekom für eine Tempo-Drosselung im Festnetz. "Jetzt ist die Zeit zu handeln", rief Markus Beckedahl zum Auftakt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu. "Verhindern Sie, dass die Telekom ein Internet zweiter Klasse einführt!"

Beckedahl, einer von vier Gründern der Konferenz, bezeichnete die Ankündigung von Daten-Obergrenzen auch im Festnetz als einen Angriff auf das Prinzip der Netzneutralität, das den diskriminierungsfreien Transport aller Datenpakete im Internet verlangt.

"Sie wollen das Kernprinzip eines offenen und freien Internets über den Haufen werfen", sagte Beckedahl über die Telekom. Er kritisierte, dass der hauseigene TV-Dienst Entertain sowie andere gesondert bezahlte "Managed Services" bei der Berechnung des Datenvolumens ausgenommen werden sollen.

Beckedahl appellierte an die versammelten Blogger und Netzaktivisten, "ein Zeichen zu setzen". "Unsere Blogs, unsere Podcasts, unsere Start-ups sind diejenigen, die sich das vielleicht nicht leisten können." Mitorganisatorin Tanja Haeusler rief die Teilnehmer auf, solche Themen auch in weniger netz-affine Teile der Gesellschaft zu tragen.

Ein erster Schwerpunkt des auf sieben Bühnen verteilten Programms waren Erfahrungen aus dem Internet-Wahlkampf in den USA. Die ehemalige Leiterin der Online-Abteilung im Wahlkampfbüro von US-Präsident Barack Obama, Betsy Hoover, erzählte, wie Online und Offline im Wahlkampf miteinander verknüpft werden, um die Wähler auch emotional anzusprechen.

Über die Arbeit an einer neuen Verfassung in Island unter Mitwirkung einfacher Bürger berichtete die Parlamentsabgeordnete Birgitta Jónsdóttir. "Wir befinden uns in einer unglaublichen Zeit, in der die bisher übliche Art der Politikgestaltung von Grund auf verändert wird", sagte Jónsdóttir mit Blick auf Mitwirkungsmöglichkeiten im Netz. Demokratie erfordere eine Beteiligung und Mitarbeit aller.

Die Vernetzung digitaler Projekte in sechs afrikanischen Ländern stellte Erik Hersman vor, Mitbegründer der Internet-Plattform Ushahidi. Bei Innovationen gehe es um grundlegende Änderungen der bestehenden Zustände, sagte Hersman.

Die Entwicklung in Afrika benötige die Kompetenzen traditioneller Dorfbewohner, die sich vor Ort gegenseitig unterstützten. Hersmann stellte den Prototyp eines mobilen Routers vor, der auch unter schwierigen Bedingungen noch eine Internet-Verbindung bereitstellen soll. Für dieses Gerät mit der Bezeichnung BRCK werden auf der Internet-Plattform Kickstarter noch Investoren gesucht.

Der Mathematiker und ehemalige IBM-Stratege Gunter Dueck rief die Konferenzteilnehmer auf, auf dem Weg in die Wissensgesellschaft eine "ethnokulturelle Empathie" zu entwickeln. Wenn man von den immer gleichen Diskussionen zu einem fruchtbaren Diskurs gelangen wolle, sei es notwendig, sich nicht in den eigenen Denk- und Wertvorstellungen zu verschanzen und stattdessen die der Gesprächsteilnehmer mitzuempfinden.

Die Konferenz findet seit 2007 statt und steht dieses Jahr unter dem Motto "In/Side/Out", was die zunehmende Verschmelzung von digitalem und analogem Leben symbolisieren soll.

Die re:publica sei inzwischen zu einem großen Treffen der Netzbewohner geworden, sagte Beckedahl der Nachrichtenagentur dpa. "Wir sehen das Internet als Infrastruktur unseres Lebens: Wir kommunizieren darüber, wir lieben, wir erledigen wirtschaftliche Transaktionen, wir machen Politik darüber, wir konsumieren und produzieren Medieninhalte. Das Internet ist aus technischer Sicht ein weiterer Layer unserer Realität."

Webseite der Konferenz