Damaskus/Tel Aviv (dpa) - Nach den Luftangriffen im Nachbarland Syrien herrscht in Israel erhöhte Alarmbereitschaft. Bis zum Montag beschränkte sich die Reaktion der Regierung in Damaskus jedoch auf Drohungen.

Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter erklärte, bei den israelischen Angriffen in der Nacht zum Sonntag seien im Umland von Damaskus mindestens 42 Soldaten getötet worden. Das Schicksal von 100 weiteren vermissten Soldaten sei noch ungeklärt. Die Getöteten sollen der Republikanischen Garde angehören, die für die Sicherheit von Präsident Baschar al-Assad zuständig ist.

International lösten die Bombardements erhebliche Besorgnis aus. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief alle Seiten "zu höchstmöglicher Ruhe und Zurückhaltung" auf, um eine Eskalation zu vermeiden. Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton warnte vor einer Ausweitung des Konflikts. China mahnte die Konfliktparteien, den Frieden und die Stabilität in der Region zu wahren und alles zu vermeiden, was die Lage weiter eskalieren lassen könnte. Der russische Außenminister Sergej Lawrow telefonierte mit seinem syrischen Amtskollegen Walid al-Muallim, Kremlchef Wladimir Putin mit Israels Premier Benjamin Netanjahu.

Israelische Militärs rechnen laut einem Bericht des israelischen Rundfunks nicht mit einem syrischen Gegenangriff, weil das Regime von Baschar al-Assad zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt sei. Dennoch stelle sich die Armee auf eine mögliche Reaktion der libanesischen Hisbollah und sogar des Irans ein. Der Angriff galt nach Medienberichten einer Lieferung iranischer Raketen des Typs Fateh-110 an die mit Israel verfeindete Hisbollah.

Am Montag schlugen zwei aus Syrien abgefeuerte Raketen in der Nähe eines israelischen Grenzpostens auf den Golanhöhen ein. Eine israelische Militärsprecherin sagte, die Raketen seien auf offenen Feld niedergegangen. Es habe weder Opfer noch Sachschaden gegeben. Man gehe davon aus, dass die Raketen bei internen Kämpfen in Syrien abgeschossen wurden. Damit handelt es sich offenbar nicht um eine Reaktion auf den israelischen Raketenangriff in Syrien in der Nacht zum Sonntag. Syrien hatte nach den Angriffen von einer Kriegserklärung Israels gesprochen und Vergeltung angedroht.

Israel hatte das Gebiet 1967 während des Sechstagekriegs erobert. Die Grenze gilt für gewöhnlich als weitgehend ruhig. Das syrische Fernsehen berichtete am Montag, Damaskus habe es palästinensischen Fraktionen erlaubt, Israel von den Golanhöhen aus anzugreifen.

Die unabhängige Syrien-Kommission der Vereinten Nationen relativierte am Montag Aussagen der UN-Expertin Carla del Ponte über einen Chemiewaffeneinsatz durch Rebellen in Syrien. Es gebe "keine beweiskräftigen Ermittlungsergebnisse für einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien durch irgendeine der an dem Konflikt beteiligten Parteien", erklärte die Kommission. "Daher ist die Kommission derzeit nicht in der Lage, diese Behauptungen weiter zu kommentieren."

Die Erklärung kommt einem Dementi zu Medien-Äußerungen Del Pontes nahe, die selbst Mitglied der Experten-Kommission ist. Sie hatte am Sonntagabend in einem Fernsehinterview erklärt: "Nach den Aussagen, die wir gesammelt haben, haben die Rebellen Chemiewaffen eingesetzt und auf das Gas Sarin zurückgegriffen." Die frühere Chefanklägerin der UN-Gerichte für Ex-Jugoslawien und Ruanda hatte im Schweizer Fernsehsender RSI hinzugefügt, die Ermittlungen seien noch lange nicht abgeschlossen, und weitere gründliche Recherchen seien nötig.

Luai al-Mekdad, ein Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA), sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Wir besitzen kein Sarin-Gas, und wir streben auch nicht danach, es in unseren Besitz zu bringen." Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die Führung in Damaskus auf, unabhängige Beobachter ins Land zu lassen, um den angeblichen Einsatz von Chemiewaffen aufzuklären.

Rebellen und syrische Regierung werfen sich seit einigen Wochen gegenseitig den Einsatz von Giftgas vor. US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz chemischer Waffen durch die syrischen Streitkräfte als "rote Linie" bezeichnet, bei deren Überschreitung eine Intervention möglich sei.

Israelische Kampfjets hatten nach Medienberichten nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus ein militärisches Entwicklungszentrum angegriffen. Israel bestätigte dies nicht offiziell, brachte jedoch zwei Batterien des Luftabwehrsystems Iron Dome (Eisenkuppel) im nördlichen Landesteil in Position. Die Zeitung "Jediot Achronot" berichtete, Israel habe Assad eine "geheime Botschaft" übermittelt, wonach sich Israel nicht in den syrischen Bürgerkrieg einmischen wolle.

"Wir fordern alle Konfliktgegner auf, Zivilisten zu verschonen und ihnen den Rückzug in sichere Gebiete zu ermöglichen sowie die Bergung von Verwundeten und Toten zu ermöglichen," erklärte das Rote Kreuz. Zugleich beklagt das IKRK, die Kapazitäten von Leichenhäusern in Syrien reichten angesichts des Todes von monatlich Tausenden Menschen schon längst nicht mehr aus.

Erklärung Koalition, englisch

Bericht des israelischen Rundfunks, hebräisch

Webseite der israelischen Armee

Israel Hajom, hebräisch

Mitteilung des russischen Außenministeriums, Russisch

RSI-Beitrag, italienisch

Mitteilung der Syrien-Kommission