Miami (dpa) - Die Latino-Gemeinde ist groß im südöstlichsten Zipfel der USA. Die besten Salsa-Bands spielen im La Casa de Tula, brasilianische Bars und kubanische Restaurants dürften auch Joachim Löw und seinen Spielern in Miami ins Auge stechen.

Als Muster oder zumindest kleine Probe für die Fußball-Weltmeisterschaft in einem Jahr in Brasilien aber kann die USA-Tournee der deutschen Nationalmannschaft nicht gelten. "Wir haben 2013. Ich werde jetzt gefragt, wer ist Favorit in Brasilien. Sind die Deutschen der Topfavorit? In einem Jahr, das hat man doch jetzt gesehen, passiert wahnsinnig viel", betonte der Bundestrainer.

Löw will nicht nur die Besetzung des DFB-Vorzeigeteams für das Muster ohne WM-Wert verantwortlich machen. Er reiste wegen des deutschen Champions-League-Finals Bayern gegen Dortmund im rund 7000 Kilometer entfernten London und den Club-Verpflichtungen weiterer Stammkräfte höchstens mit einer B-Auswahl in die USA.

"Nein", meinte der 53-Jährige, der zweiwöchige US-Trip mit Länderspielen am 29. Mai in Boca Raton gegen Ecuador und am 2. Juni in Washington gegen die USA sei nie als weitere teambildende Maßnahme auf dem Weg zur WM 2014 geplant gewesen: "Zu dem Zeitpunkt stehen andere Dinge im Vordergrund. Was Teambildung anbetrifft, wird es keinen Einfluss haben auf die WM."

15 Spieler, die in Löws Brasilien-Planungen eine zentrale Rolle spielen, fehlen in Florida: Neuer, Lahm, Boateng, Schweinsteiger, Müller, Gomez, Badstuber, Kroos (alle FC Bayern), Hummels, Schmelzer, Gündogan, Götze, Reus (alle Dortmund), Özil und Khedira (Real Madrid). Andere Personalien seien dazu ungewiss: "Wer weiß jetzt, welche 23 Spieler in die Vorbereitung zur WM gehen. Einige Positionen sind vergeben, einige sind offen. Da ist ein Konkurrenzkampf vorhanden", meinte Löw, der am Donnerstag seinen zum Großteil mit Ersatzkandidaten besetzten Kader zum ersten Training auf dem Geländer der Barry University in Nord-Miami bat.

Dass Neulinge wie Max Kruse (Freiburg), Nicolai Müller (Mainz), Sidney Sam und Philipp Wollscheid (Leverkusen) noch ernsthaft in diesen Konkurrenzkampf eingreifen können, ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. "Eins ist klar, es gab schon häufig diese Beispiele, dass sich ein Spieler aus der zweiten oder sogar dritten Kategorie mit einem Länderspiel oder einer Länderspielreise plötzlich in den Vordergrund gespielt hat", meinte Löw.

Zuletzt hatte er - wie auch jetzt in den USA geplant - im November 2010 beim 0:0 gegen Schweden gleich vier Debütanten auf den Platz geschickt. Von denen sind Mario Götze und Marcel Schmelzer inzwischen Stammkräfte, André Schürrle knapp dahinter und Lewis Holtby als U 21-Kapitän weiter im Blickfeld. Im März 2007 waren sogar fünf Akteure gegen Dänemark (0:1) zu ihrem ersten Länderspiel gekommen, keiner von ihnen ist aktuell mehr dabei. Im Mai 2010 hießen die Debütanten Mats Hummels, Dennis Aogo, Kevin Großkreutz und Stefan Reinartz, die letzten drei wurden nach längeren Pausen für die aktuelle USA-Reise reaktiviert.

Der Maßstab bei Löw ist hoch: "Meine Maxime beim Testen ist: Wenn einer es schafft weiterzukommen, dann bin ich sehr zufrieden." Ob die Debütanten Nummer 54 bis 57 in seiner Ära wieder zurückgestuft werden oder ganz abtauchen wie zuvor Malik Fathi, Alexander Madlung, Roberto Hilbert, Gonzalo Castro, Marvin Compper, Tobias Weis, Sascha Riether oder andere, wird von vielen Faktoren abhängen. "Das ist ganz individuell. Es sind verschiedene Spielertypen, verschiedene Positionen. Da sehe ich unterschiedliche Ansätze bei den einzelnen Spielern, wo sie sich noch verbessern können", meinte Löw dazu.

Der Freiburger, der mit der WM in Brasilien sein viertes großes Turnier angeht, ist bekannt dafür, dass er die Zeit unmittelbar vor den Wettkampf-Höhepunkten für die wichtigste hält. Tests wie jetzt sind nur Ergänzung. "Teambildung ist ohnehin ein Prozess über Jahre hinweg. Da ist für uns vor allem die Turnier-Vorbereitung wichtig. Stärken und Schwächen kristallisieren sich dann hinaus, aber nicht unbedingt schon ein Jahr vorher", sagte Löw. Was nicht ausschließt, dass einer der Neuen in den USA seine Minimalchance nutzen kann.