Torgau (dpa) - Seit das Elbe-Hochwasser ins sächsische Torgau kam, hat Carolin Dwaroch einen völlig neuen Job. Statt morgens ins Torgauer Einwohnermeldeamt zu gehen, schnappt sie sich ihre Gummistiefel und eine schreiend orangene Schwimmweste.

Statt acht Stunden am Schreibtisch zu sitzen, läuft die 23-Jährige auf einem Deich am Torgauer Elbufer entlang. Wenn ein Deich zu wackeln droht, merkt sie es als erste. Sie und ihr Teampartner Steffen Wenzel gehören zu den unauffälligen Hütern der Elbufer.

Deichläufer nennen die Katastrophenstäbe in Nordsachsen die Hochwasserhelfer, die rund um die Uhr im Schichtbetrieb alle Schutzanlagen kontrollieren. Allein in Torgau sind täglich 63 Deichläufer auf zehn Abschnitten an der Elbe im Einsatz. Fast alle sind so wie Carolin Dwaroch bei der Stadt angestellt. Ihren Kugelschreiber hat sie gegen lange, dünne Metallstäbe eingetauscht, an denen Fetzen aus rot-weißem Absperrband festgeknotet sind.

"Damit markieren wir kritische Stellen, aus denen Wasser sickert", erklärt die junge Frau. Ihr Abschnitt ist bis jetzt stabil, nur wenige Fähnchen wehen im Wind. Die meisten stehen in Grundwasser, das aus der Erde und nicht durch die Deiche sickert. Protokoll zu führen ist Pflicht für die Deichläufer. Außerdem eine Meldung an den Deichbeauftragten, etwa wenn trübes Wasser aus den Deichen Erdausspülungen anzeigt.

Als sich der Elbescheitel am Freitagabend durch Torgau schob, lief das Team Dwaroch/Wenzel die Nachtpatrouille. Es war die Nacht, in der wenige Kilometer nördlich von ihrem Kontrollabschnitt ein undichter Deich entdeckt wurde. Das Hochwasser schwappte auf mehrere kleine Nachbarorte zu, 500 Menschen sollten sich in Sicherheit bringen.

Die Deiche in ihrem Abschnitt hingegen hielten dem Druck der Wassermassen stand. Bis auf 9,22 Meter stieg das Elb-Hochwasser am Pegel in Torgau. Das seien knapp sieben Meter mehr als normal, sagt Wenzel. Für 9,50 Meter seien die Deiche maximal ausgelegt.

Der groß gewachsene Mann führt eigentlich ein Ingenieurbüro und ist freiwilliger Helfer. Nach dem Sandschippen wechselte Wenzel zu den Deichläufern. "Ich wohne selbst nah an der Elbe. Ich will meine Stadt beim Kampf gegen das Hochwasser unterstützen."

Eine kurze Einweisung gab es für alle Helfer: Sandsackstapeln, Sicherheitshinweise, theoretisches Wissen. Neuland für Dwaroch, wie die junge Frau sagt. Bei der August-Flut 2002 war sie 12, ihre Erinnerungen sind vage. "Ich habe mit meiner Familie ein wenig geholfen", erinnert sie sich. "Aber eigentlich haben wir uns mehr gefreut, dass die Schule ausfällt."

Wenzel war auch 2002 schon als Freiwilliger dabei. "Dieses Mal fällt auf, dass alles viel besser vorbereitet ist", sagt der Ingenieur. Am Ende seines Deich-Abschnitts zeigt Wenzel auf einen Baum, der 50 Meter vom Deich entfernt von Wasser umspült wird. "Dort ist normalerweise das Ufer", sagt er. Auch wenn die Pegel langsam fallen, wandern die Deichläufer noch mindestens eine Woche weiter.