UnruhenMachtkonflikt in Ägypten gerät außer Kontrolle

Kairo (dpa) - Bei den schwersten Auseinandersetzungen mit Islamisten seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi sind in Ägypten mindestens 80 Menschen getötet worden. Die islamistische Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mursi kommt, sprach von weit über 100 Toten in Kairo.

Die Eskalation der Gewalt, bei der auch mindestens 800 Menschen verletzt wurden, löste im Ausland Befürchtungen vor einem Bürgerkrieg am Nil aus. Am Samstag war ein Ultimatum des Militärs an die Islamisten abgelaufen, sich am sogenannten Versöhnungsprozess zu beteiligen.

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Nach den Zusammenstößen der Islamisten mit Sicherheitskräften am Samstag zählten die Islamisten nach eigenen Angaben weit über 100 Tote und 4000 Verletzte. Beide Seiten machten sich gegenseitig für das Blutvergießen verantwortlich. "Sie (die Polizisten) schießen nicht, um zu verwunden, sondern um zu töten", sagte Gehad al-Haddad, ein Sprecher der Muslimbrüder.

In der Suezkanal-Stadt Port Said gerieten am Sonntag Anhänger und Gegner Mursis beim Begräbnis eines Islamisten aneinander. Ein 16-Jähriger wurde erschossen, mehrere Menschen erlitten Verletzungen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete, dass am Samstag viele der Opfer in Kairo durch Schüsse auf Kopf oder Brust getötet worden seien. Dies sei auf Videos zu sehen und zudem von Augenzeugen bestätigt worden. Im Protestlager der Mursi-Anhänger in der Vorstadt Nasr City harrten auch am Sonntag noch Tausende aus.

Zu den schlimmsten Zusammenstößen seit dem vom Militär verübten Staatsstreich am 3. Juli kam es, nachdem sich Demonstranten aus dem Protest-Camp auf den Weg gemacht hatten, um eine Stadtautobahn zu blockieren. Einheiten der Bereitschaftspolizei stellten sich ihnen in den Weg. Nach Augenzeugenberichten schossen die Sicherheitskräfte zunächst mit Tränengasgranaten, dann mit scharfer Munition auf die Islamisten. Ob unter den Demonstranten auch Bewaffnete waren, war nicht klar.

Innenminister Mohammed Ibrahim sagte auf einer Pressekonferenz in Kairo, dass 50 Polizisten verletzt worden seien, zwei von ihnen schwer. "Es war ein Trick der Muslimbruderschaft, um einen Zwischenfall zu provozieren und Sympathien für sich zu gewinnen." Ibrahim stellte eine baldige Räumung der islamistischen Protestlager in Aussicht. Am Sonntag bekräftigte er bei einer Abschlusszeremonie für Polizeischüler in Kairo: "Wir werden es keinen verrückten, gehässigen Leuten erlauben, den Frieden zu stören."

Ibrahim dankte dem in der ersten Reihe sitzenden Armeekommandeur Abdel Fattah al-Sisi dafür, dass er "den Willen des Volkes erfüllt und die Nation vor drohender Gefahr schützt". Al-Sisi, der den Staatsstreich gegen Mursi ausführte, gilt nun als der eigentlich starke Mann im Land. Am Freitag, wenige Stunden vor den tödlichen Ausschreitungen in Kairo, hatte er Millionen Bürger im ganzen Land auf die Straße gerufen, um sich von ihnen ein "Mandat" für die Bekämpfung des "Terrors" geben zu lassen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte das Blutvergießen und rief die Übergangsregierung auf, "den Schutz aller Ägypter sicherzustellen". Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte einen sofortigen Gewaltverzicht. US-Außenminister John Kerry brachte in einem Telefonat mit Übergangsvizepräsident Mohammed ElBaradei die "tiefe Besorgnis" der USA zum Ausdruck. "In diesem extrem unberechenbaren Umfeld haben die ägyptischen Stellen eine moralische und rechtliche Verpflichtung, das Recht auf friedliche Versammlung und Meinungsfreiheit zu respektieren", mahnte er.

UN-Chef Ban forderte die ägyptischen Sicherheitskräfte auf, die Menschenrechte zu achten. An die Demonstranten appellierte er, Zurückhaltung zu üben und die friedliche Natur ihres Protests beizubehalten. Auch der britische Außenminister William Hague verurteilte die Gewaltanwendung gegen Demonstranten in Ägypten. Der schwedische Außenminister Carl Bildt schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: "Ich bin schockiert von der hohen Zahl an Toten (...). Die Sicherheitskräfte können sich der Verantwortung nicht entziehen."

Bericht Human Rights Watch

Ägpyten-Twitterliste von dpa

Karte zu Protesten in Ägypten

Mitteilung Ashtons (auf Englisch)

Erklärung Bans

Erklärung Kerrys

Erklärung Hagues

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  • Quelle dpa