Berlin (dpa) - Die Konzerte waren laut, wild und brutal: Rock'n'Roll war Ausdruck eines rebellischen Lebensgefühls, eine existenzielle Stellungnahme. Das ist Jahrzehnte her.

Dennoch ist die Rente für Mick Jagger (70) und viele andere Altrocker keine Option: Die Rolling Stones haben erst Anfang Juli ihre jüngste Konzertreihe beendet. Joe Cocker (69), Iggy Pop (66) und Ozzy Osbourne (64) sind gerade auf Tour. Als Vertreter einer Jugendkultur rebellierten sie einst gegen das Establishment. Heute kommt ihnen eine andere Rolle zu.

Iggy Pop ritzt sich keine blutigen Wunden mehr in die Brust, Joe Cocker trägt auf der Bühne Anzüge statt verschwitzter T-Shirts. Und auf der laufenden Tour von Black Sabbath hat Ozzy Osbourne noch keiner Fledermaus den Kopf abgebissen - wie vor rund 30 Jahren in den USA. Die einstigen "Bad Boys" sind erwachsen geworden.

"Das Publikum ist ebenfalls erwachsen geworden", sagt Steffen Damm vom Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. Die Fans der Rock'n'Roll-Generation strömten heute nicht mehr in die Stadien, um gegen das herrschende System aufzubegehren.

"Aus den klassischen Jugendkulturen sind Medienkulturen geworden", erklärt Damm. Es handele sich dabei um alte Jugendkulturen - eigentlich ein Widerspruch in sich. Mit der Zerstörung des Equipments locke man heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. "Systemkritik spielt keine Rolle mehr. Der Furor, die Anti-Haltung, von der die traditionellen Jugend- oder Subkulturen getragen waren, läuft heute ins Leere."

Stattdessen sind viele Künstler mittlerweile selbst eine Institution. "Niemand hat es so lange gemacht wie wir", sagte Keith Richards (69) einmal über die Rolling Stones. "Niemand hat eine Rockband so weit kommen lassen, nicht mal annähernd."

Genau damit begründet Damm auch die Begeisterung für viele Rock-Veteranen. "Es gibt nichts Neues. Künstler wie die Stones zehren von ihrer eigenen Legende. Man geht auf ein Stones-Konzert, um es noch einmal erlebt zu haben", analysiert er. Joe Cocker (69) wird bis heute wegen seines Auftritts vor 44 Jahren beim Woodstock-Festival verehrt. Während eines Interviews zu seiner jüngsten Platte sagte er: "Jugendliche erzählen mir, dass ich mich glücklich schätzen kann, in solchen Zeiten gelebt zu haben."

Für Männer scheint es mitunter einfacher, im Musikbusiness alt zu werden, als für Frauen. Das findet Susanne Binas-Preisendörfer, Professorin für Musik und Medien an der Universität Oldenburg (Niedersachsen), problematisch. "Eine Frau hat gut auszusehen. Der klassische Mann darf hingegen altern", sagt sie.

So bemängeln manche Kollegen etwa bei Popdiva Madonna (54), dass sie ihr Image nicht weiterentwickle, es ihrem Alter nicht anpasse. Ihre Fans aus den Achtzigern seien schließlich ebenfalls älter geworden. "Eine 50-Jährige, die auf 20 macht: Das ist doch einfach nur peinlich. Ich kann mit ihr nichts anfangen", sagte Gossip-Frontfrau Beth Ditto (32) in einem Interview. Böse Kritik kam auch von Elton John (66), der in einem Fernsehgespräch meinte: "Sie ist so ein Alptraum, ihre Karriere ist vorbei."

Nach Ansicht von Binas-Preisendörfer solle man das mit dem Alter generell nicht so eng sehen: "Die Popkultur ist Kultur verschiedenster Generationen geworden. Bei den Produkten gibt es keine Altershierarchie mehr." Damm sieht das ähnlich. "Im Gegensatz zu Sportlern sind Musikern keine Grenzen gesetzt", betont er.

"Niemand verlässt diese Band in der Vertikalen", sagte Keith Richards einmal über die Rolling Stones. Es scheint, als gelte dies auch für das Verhältnis vieler Rockmusiker zu ihrem Beruf.

Rolling-Stone zu Fledermaus-Vorfall/Ozzy