UnruhenMuslimbrüder wollen morgen wieder demonstrieren

Kairo (dpa) - Ägypten rutscht nach den blutigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Anhängern der Muslimbrüder in Chaos und Gewalt. Die Islamisten wollen ihre Proteste gegen die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi nach den Freitagsgebeten fortsetzen.

Die Angriffe von Extremisten auf Polizeiwachen und christliche Kirchen gingen am Donnerstag weiter.

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Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Der Feuerwehr sei es nicht gelungen, das Gotteshaus zu retten. In Malawi in der Provinz Al-Minia wurden nach Angaben von Aktivisten in der Nacht Geschäfte von Christen zerstört und das Auto eines Priesters angezündet.

Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, die Sicherheitskräfte befürchteten an diesem Freitag "eine neue Welle der Gewalt", sollten die Islamisten erneut demonstrieren. Nach der gewaltsamen Räumung von zwei großen Protestlagern der Mursi-Anhänger in Kairo war es am Mittwoch in Ägypten zu blutigen Unruhen gekommen.

Dabei kamen nach jüngsten offiziellen Angaben 327 Menschen ums Leben. 2926 wurden zudem verletzt, wie das Nachrichtenportal Al-Ahram unter Berufung auf das Gesundheitsministerium berichtete. 429 Verletzte hätten das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen können.

Die Straßen von Kairo blieben am Donnerstagmorgen auch nach dem Ende der Ausgangssperre relativ leer. Viele Menschen blieben aus Furcht vor Gewalt im Haus. Die ägyptische Führung hat den Notstand ausgerufen und über Kairo und andere Landesteile eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Nach Angaben der staatlichen Medien war nach Mitternacht in den meisten Landesteilen langsam Ruhe eingekehrt. Das Fernsehen berichtete allerdings von zwei Polizisten, die vor einer Polizeiwache in Al-Arisch auf dem Sinai getötet worden seien.

Nicht überall wurde die nächtliche Ausgangssperre beachtet. In Alexandria hätten Mursi-Anhänger mehrere Straßen blockiert und Straßenbahnwaggons angezündet, hieß es. Seit Mittwoch soll die Polizei landesweit etwa 560 Menschen festgenommen haben.

Fernsehbilder aus der Nacht zum Donnerstag zeigten gespenstisch anmutende Szenen: Während auf den Straßen Kairos fast ausschließlich Militärfahrzeuge unterwegs waren, sorgten brennende Autowracks für eine schaurige Kulisse.

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt scharf. Außenminister Guido Westerwelle berief wegen des Blutvergießens den Krisenstab des Auswärtigen Amts ein und forderte bei einem Besuch in Tunesien: "Das Blutvergießen muss beendet werden, und zwar durch Gespräche und Verhandlungen." Er appellierte erneut an alle Deutschen in dem Land, die Reisehinweise des Auswärtigen Amts im Internet zu beachten.

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zu der Räumung der Lager gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um Mursis Wiedereinsetzung zu erzwingen. Das Militär hatte den Präsidenten am 3. Juli nach Massenprotesten abgesetzt.

Im Verlauf der Unruhen wurden auch zahlreiche christliche Kirchen angegriffen. Nach Angaben des Blattes "Watani" attackierten Islamisten 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Der Sprecher der katholischen Kirche in Ägypten, Rafic Greiche, berichtete von Übergriffen gegen 17 Gotteshäuser seiner Kirche.

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  • Quelle dpa