Berlin (dpa) - Die Parteien haben zum Endspurt im Bundestagswahlkampf angesetzt. Nach jüngsten Umfragen vom Donnerstag dürfte das Rennen bis zum Schluss am Sonntag, 18.00 Uhr, offen bleiben.

Nach einer Erhebung des Instituts Insa vom Sonntag bis Mittwoch für die "Bild"-Zeitung (Donnerstag) würde die politische Landschaft erheblich durcheinandergewirbelt. Denn sie sagt den Einzug der eurokritischen Partei AfD ins Parlament und das Ende der schwarz-gelben Regierung voraus. Bundespräsident Joachim Gauck rief die Bürger zur Stimmabgabe am Sonntag auf. Einen Rekord könnte es bei den Briefwählern geben.

Bei Wahlkampfauftritten am Donnerstag setzte sich die CDU-Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, für flächendeckend branchenspezifische Mindestlöhne ein. Die SPD fordert einen gesetzlich festgelegten flächendeckenden Mindestlohn von derzeit 8,50 Euro. In einem Gespräch mit dem Journalisten Stefan Aust für 58 zusammengeschaltete Privatradiosender auf Initiative der Radiozentrale Berlin schloss Merkel Steuererhöhungen vorerst aus. Die Kanzlerin zeigte sich unzufrieden mit der Energiewende.

Die große Koalition 2005 bis 2009 habe in der Finanzkrise "eine ordentliche Arbeit" gemacht, sagte Merkel. "Aber die christlich-liberale Koalition kann erfolgreicher regieren." SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigte bei einem Wahlkampfauftritt in Berlin an, für Reformen sorgen zu wollen, etwa im Bereich Pflege und beim Ausbau der Kita-Plätze in Deutschland.

Ausdrücklich warnte Steinbrück vor einer Wahl der eurokritischen Alternative für Deutschland (AfD). "Sie sollten nicht irgendwelchen Rattenfängern am 22. September hinterherlaufen, was Europa betrifft". SPD-Chef Sigmar Gabriel betonte bei der Veranstaltung, die FDP in ihrer jetzigen Form mache sich überflüssig. "Der stolze Liberalismus hat in Deutschland keine Heimat mehr."

Laut Umfragen kann die SPD bei der Bundestagswahl auf einen klaren Zuwachs im Vergleich zu den 23 Prozent von 2009 hoffen - aber für Rot-Grün und einen Kanzler Steinbrück würde es nach bisherigen Umfragen nicht reichen. Daher wird intern bereits über die Haltung zu einer großen Koalition nachgedacht.

Die AfD gewinnt laut Insa im Vergleich zur Vorwoche einen Punkt hinzu. Sie kommt bei diesem Institut damit erstmals seit April wieder auf 5 Prozent. Auch die am Sonntag in Bayern aus dem Landtag geflogene FDP wäre mit 6 Prozent im Bundestag vertreten (plus zwei Punkte im Vergleich zur Vorwoche). Die Union sehen die Meinungsforscher unverändert bei 38, die SPD mit einem Punkt mehr bei 28 Prozent. Die Grünen verlieren im Vergleich zur Vorwoche drei Punkte und landen bei 8 Prozent. Die Linke steigt um einen Punkt auf 9 Prozent. Insa befragte bis Mittwoch 2248 Bürger.

Schwarz-Gelb hätte demnach mit 44 Prozent der Stimmen keine Mehrheit. SPD, Grüne und Linke kämen rechnerisch auf 45 Prozent. Ein rot-rot-grünes Bündnis haben SPD und Grüne ausgeschlossen. Würde das Ergebnis tatsächlich so ausfallen, könnte es auf eine große Koalition hinauslaufen.

Die Fehlermarge liegt bei plus/minus einem Punkt bei den kleinen und bei rund zwei Punkten bei den großen Parteien. In Umfragen, die ARD und ZDF vor einer Woche veröffentlichten, lagen Union und FDP einerseits und Opposition andererseits mit 46 zu 45 beziehungsweise 45 zu 46 Prozent fast gleichauf.

Gauck mahnte am Donnerstag in Berlin: "Überlassen Sie unsere parlamentarische Demokratie nicht der Beliebigkeit oder gar dem Verdruss." Es gehöre zwar zur Freiheit in Deutschland, auf das Wahlrecht zu verzichten. Aber: "Demokratie passiert nicht einfach, sie wird gemacht: von uns." Zur Stimmabgabe aufgerufen sind am Sonntag 61,8 Millionen Menschen. Der Wahlkampf geht fast bis zur Schließung der Wahllokale.

Die großen Städte verzeichnen einen Ansturm von Briefwählern. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Wahlämtern von mehr als 20 Städten. An diesem Freitag lässt die rot-grüne Mehrheit im Bundesrat noch einmal ihre Muskeln spielen. Mindestens drei Gesetzesvorhaben der schwarz-gelben Regierungskoalition will sie endgültig scheitern lassen, etwa zu Gesundheitsprävention und Bildungssparen.

Die AfD sorgte auch im Landtagswahlkampf in Hessen für hitzige Debatten, wo ebenfalls am Sonntag gewählt wird. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schloss im ZDF eine Koalition seiner Partei mit der AfD aus, nachdem er am Vortag erklärt hatte, grundsätzlich nichts auszuschließen.

Steinbrück warf der Regierungskoalition mit Blick auf die Ablehnung der Union, mit Zweitstimmen der FDP zu helfen, Zerrissenheit vor. Die CDU-Spitze wirbt in der Schlussphase des Wahlkampfes ausdrücklich um beide Stimmen der Wähler.

Umfragen

INSA-Sonntagsfrage

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