Freiburg (SID) - Der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes (DRB) prophezeit ein Dopinggesetz in Deutschland, gleichzeitig hält er das aktuelle Sportfördersystem für diskussionswürdig. "Ich finde ein Anti-Doping-Gesetz auch aus juristischer Sicht durchaus vertretbar, wenn klar ist, welche Rechtsgüter geschützt werden sollen und andere Mittel nicht greifen", sagte Christoph Frank in einem Interview mit der Badischen Zeitung. "Die Sportverbände waren lange Zeit dagegen, weil hier der Staat in die Autonomie des Sports eingreife und ihr eigenes Kontrollsystem ausreiche. Diese Position wird sich nach meiner Überzeugung nicht mehr durchhalten lassen", so Frank weiter.

Der DRB-Chef, der beruflich die Schwerpunktabteilung für Dopingdelikte bei der Freiburger Staatsanwaltschaft leitet, sieht für ein solches Gesetz auch großen Rückhalt gegeben. "In der Bevölkerung ist die Forderung nach einem sauberen Sport äußerst populär. Die Verlogenheit in Sportarten wie dem Radsport sorgt nach wie vor für Empörung. Die Politik wird diese Grundstimmung in der kommenden Wahlperiode vermutlich aufgreifen", erklärte Frank.

Ein deutsches Dopinggesetz ist derzeit umstritten. Dies war das Ergebnis einer Diskusionsrunde der Strafrechtsexperten am vergangenen Donnerstag in Bonn. "Die Bundesregierung will die Ergebnisse des Expertengesprächs nun sorgfältig auswerten", hieß es seitens des Bundesinnenministeriums. "Sollte sich gesetzgeberischer Handlungsbedarf als notwendig und Gesetzesinitiativen als rechtlich möglich erweisen, werden die erforderlichen Schritte eingeleitet."

Eine Verankerung von Doping als Straftatbestand im Gesetz bezeichnete der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unter der Führung des inzwischen zum IOC-Präsidenten gewählten Thomas Bach als nicht notwendig und sagte Probleme bezüglich kurzfristiger Sperren für Athleten voraus.

Dies kann Christoph Frank nachvollziehen: "Das Argument der Sportverbände, dass auf Dopingverdacht sofort reagiert werden muss, leuchtet ein." Er verwies aber darauf: "Auch im Strafrecht gibt es aber durchaus vorläufige Maßnahmen. So kann zum Beispiel gegen einen pfuschenden Arzt ein vorläufiges Berufsverbot verhängt werden. Voraussetzung ist aber ein besonders schwerwiegender Verstoß, die dringende Wahrscheinlichkeit eines endgültigen Berufsverbots und dass ein Richter die Sanktion ausspricht.

Die Glaubwürdigkeit des Staates bei der Dopingbekämpfung sieht Frank sehr kritisch. "Wenn er es sein will, sollte er auch sein Sportförderungssystem auf den Prüfstand stellen. Bisher bekommen diejenigen Sportverbände am meisten Geld, die am meisten Medaillen holen. So werden Leistungen honoriert, die in vielen Sportarten realistischerweise nur mit Hilfe von Doping erzielt werden können. Wer den Kampf gegen Doping wirklich ernst meint, muss diesen Wertungswiderspruch auflösen", sagte der Richter.

Der Spitzensport solle seiner Meinung weiter gefördert werden, aber "unabhängig von Endlauf- oder Medaillenchancen bei internationalen Meisterschaften mit möglicherweise gedopten Konkurrenten". Dass dies auch möglicherweise drastische Auswirkungen auf die Bilanzen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen haben könnte, glaubt auch Christoph Frank. "Es gäbe dann sicher weniger deutsche Sieger, aber die Zuschauer würden lernen, gute persönliche Leistungen auch ohne Sieg zu schätzen. Ich halte das durchaus für möglich."