Florenz (dpa) - Rui Costa war der große Profiteur des Pokerspiels der Favoriten in Florenz. Der 26 Jahre alte Radprofi holte überraschend als erster Portugiese den WM-Titel auf der Straße und stürzte die italienischen Gastgeber in die Verzweiflung.

Ihr Topfavorit Vincenzo Nibali wurde nur Vierter. Der Spanier Joaquim Rodriguez fuhr nach 272,3 Kilometern als Erster auf die Zielgerade, wurde aber von Costa noch überspurtet. Dem Katusha-Fahrer blieb nur die Silbermedaille. Nibali hatte im Kampf um Bronze gegen Alejandro Valverde wenige Sekunden hinter dem Spitzen-Duo keine Chance.

Die deutschen Profis, nur als Sextett am Start, fuhren ein starkes Rennen. Nach dem frühen Ausfall von Dominik Nerz, fuhren John Degenkolb, Simon Geschke und Marcus Burghardt bis zum Finale in der letzten von zehn Runden immer in der Spitze. Dann mussten sie aber passen. Bester von ihnen war der Berliner Geschke auf Rang 14. "Die Kolumbianer haben an den letzten Steigungen alles auseinandergefahren - da kamen wir nicht mehr mit", sagte Burghardt nach dem beinharten Rennen, das größtenteils unter Dauerregen stattfand.

Die katastrophalen Wetterverhältnisse mit Donner, Blitz und Regen machten diese WM noch schwerer und fast zum Vabanque-Spiel. Schon in der zweiten von zehn Schlussrunden über zwei happige Steigungen mit bis zu 18 Steigungsprozenten gab es folgenschwere Stürze. Denen fielen auch Dominik Nerz aus Wangen und Ex-Toursieger Cadel Evans zum Opfer. Beide stiegen aus.

Nerz kam dreimal zu Fall und erlitt eine schwere Hüftprellung mit Beeinträchtigung des Ischiasnervs. Im ZDF kritisierte er hinterher die Veranstalter: "Das war bei diesen Bedingungen wie ein Lotteriespiel. Nach jeder Kurve lagen welche auf der Straße. Dieser Kurs war nicht zumutbar".

Die Träume vom Titel hatten für den Topfavoriten Nibali in der drittletzten Runde einen herben Dämpfer erhalten. Der 28 Jahre alte Sizilianer, der im Mai den Giro d'Italia bei ähnlichen Witterungsbedingungen dominiert hatte, stürzte bei der Abfahrt der steilen Via Salviati und verlor den Kontakt zur Spitzengruppe. Ehe er sich wieder sortiert hatte, war die Konkurrenz eine Minute weg - aber er schaffte noch einmal den Anschluss.

Am Schluss fehlte ihm bei den letzten Steigungen mit zum Teil 18 Prozent aber wohl die Kraft, um sich allein abzusetzen und so als nicht besonders spurtstarker Fahrer eine realistische Siegchance zu haben.

Viel Prominenz stieg schon nach der Hälfte der Renndistanz vom Rad. Zeitfahr-Vizeweltmeister Bradley Wiggins, der Toursieger von 2012, kam nicht weit, genau wie der 41 Jahre alte Vuelta-Gewinner Chris Horner (USA). Später musste auch der aktuelle Toursieger Chris Froome die Segel streichen.

Lange hatten die beiden beim deutschen Zweitligisten NetApp beschäftigen Bartozs Huzarski und Jan Barta (Tschechien) das Rennen an der Spitze bestimmt. Der Ungar Huzarski hielt am längsten durch, musste aber passen, als es bei den letzten beiden Steigungen richtig zur Sache ging.

Die WM-Bilanz aus deutscher Sicht fiel zufriedenstellend aus, obwohl die Frauen zum zweiten Mal innerhalb von zehn Jahren ohne Medaille geblieben waren. Tony Martin mit seinem dritten Zeitfahr-Gold in Folge war in Florenz bei den 80. Titelkämpfen der große Trumpf des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).

"Tony ist eine überragende WM gefahren und in den Nachwuchsklassen waren wir nicht weit weg vom Podium - wir sind zufrieden", erklärte BDR-Sportdirektor Patrick Moster. Nach dem Rücktritt von Judith Arndt befände sich der Verband "im Frauenbereich im Umbruch".