Berlin (dpa) - Walter Schmidinger hat fast alle großen Rollen an den bedeutendsten deutschsprachigen Theatern gespielt - er war am Bayerischen Staatsschauspiel, den Münchner Kammerspielen, an der Berliner Schaubühne, dem Schillertheater und dem Berliner Ensemble.

Der "große Einsame" des deutschsprachigen Theaters, wie ihn Theatermacher Claus Peymann würdigte, starb in der Nacht zum Samstag (28. September) im Alter von 80 Jahren in Berlin an einer Lungenentzündung. Das teilte am Sonntag das Berliner Ensemble (BE) mit, seit zehn Jahren das "Theater-Zuhause" des Österreichers.

Mit ihm starb einer der einfühlsamsten Charakter- und Seelendarsteller des deutschsprachigen Theaters. Wenn es große Komödianten mit tragischen Zügen gab, dann galt das für diesen Schauspieler. Schmidinger war sowohl in Shakespeares "Hamlet" oder im "Kaufmann von Venedig" zu sehen, als auch in Theaterpossen wie Nestroys "Einen Jux will er sich machen". Für sein Lebenswerk erhielt Schmidinger zum Beispiel den Nestroy-Theaterpreis. Er arbeitete mit Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy, Hans Neuenfels, Robert Wilson, Ingmar Bergman, Dieter Dorn und Wilfried Minks zusammen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit nannte Schmidinger am Sonntag einen "großen Charakterdarsteller".

Der am 28. April 1933 im österreichischen Linz geborene Schauspieler gehörte zu einer Theatergeneration, deren Ruhm in den Augen einer nachwachsenden Theatergemeinde langsam verblasste und die doch Theatergeschichte geschrieben hat. Das war auch bei Schmidinger teils mit einem gewissen Pathos verbunden, aber immer war er auch ein Meister der Sprache und der leisen Töne auf den lauter werdenden Theaterbühnen. Kritiker nannten den Schauspieler des Jahres, der von seiner manisch-depressiven Erkrankung offen sprach, auch den "eingebildetsten Kranken aller Zeiten", seine Wutanfälle wurden legendär, Nervenzusammenbrüche blieben nicht aus.

Der Darsteller war auch ein begnadeter Karl-Valentin-Sprecher, dessen Plädoyer für eine "allgemeine Theaterbesuchspflicht" er gerne vortrug, auch 1993 bei den Protesten gegen die spektakuläre Schließung des Berliner Schillertheaters. Noch 2007 sprach er den berühmten Prolog aus Schillers "Wallenstein" in Peter Steins spektakulärer Mammut-Inszenierung in Berlin (mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle), in dem es heißt: "Wir sind die Alten noch, die sich vor euch mit warmem Trieb und Eifer ausgebildet (...) Doch schnell und spurlos geht des Mimen Kunst... Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.(...)"

Der Intendant des Berliner Ensembles, Peymann, hatte Schmidinger zu dessen 80. Geburtstag gewürdigt. Dieser sei "Alpenkönig und Menschenfeind zugleich, musikalisch und böse, intelligent und naiv, ein Wirrkopf und großer Denker, blitzgescheit, belesen und hochgebildet, ein schwieriger Mann und ein geliebtes Kind (...)". Für Hellmuth Karasek war Schmidinger "einer der wenigen Schauspieler, die man ohne zu zögern "begnadet" nennen darf", wie er einmal im Berliner "Tagesspiegel" schrieb. "Wobei man sich darüber klar sein muss, dass "begnadet" immer auch "verflucht" heißt und bedeutet: Gnade und Fluch sind zwei Seiten der gleichen Medaille."

Das heißt aber auch: "Ich habe oft in Scheinwelten gelebt und die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen", wie Schmidinger in seinem Memoiren-Buch "Angst vor dem Glück" sagte, das er 2003 in der Berliner Akademie der Künste vorstellte. Zu seiner vielleicht persönlichsten Rolle in Molières "Der eingebildete Kranke" sagte er einmal, er habe "zu spielen versucht, dass jemand darauf besteht, krank sein zu dürfen". Dabei kamen auch seine Aufenthalte in Nervenkliniken zur Sprache.

Schmidinger kam vom renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien über das Theater in der Josefstadt schon bald an die großen Bühnen in Deutschland. Auch im Fernsehen sah man ihn zum Beispiel in Gastrollen in Krimireihen wie "Der Alte" oder "Tatort" und auf der Kinoleinwand 2006 zum Beispiel in Hans-Christian Schmids "Requiem".

Berliner Ensemble