Köln (SID) - Mehrere renommierte deutsche Doping-Bekämpfer haben den designierten DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann scharf kritisiert. Anlass der Attacken sind Aussagen Hörmanns in einem Interview des Sport-Informations-Dienstes (SID) anlässlich der DOSB-Präsidentenwahl am Samstag in Wiesbaden, die den Verdacht nahe legen, dass der 53-Jährige die Dopingproblematik in Deutschland als wenig alarmierend wertet. Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel spricht von einer "fatalen Fehleinschätzung" Hörmanns.

Hörmann hatte in dem SID-Interview gesagt, dass der Anti-Doping-Kampf auf seiner Agenda ganz oben stehen werde. Der noch amtierende Präsident des Deutschen Skiverbandes meinte aber auch, man könne die geringe Aufklärungsquote der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) auch positiv dahingehend interpretieren, dass sich "deutsche Sportler das Risiko eines Dopingvergehens einfach nicht mehr leisten können". Er sei nicht blauäugig, sei aber auch überzeugt, "dass sich unsere Athleten, Trainer und Ärzte dem Thema Anti-Doping klar und deutlich verschrieben haben. Sonst würde ich dieses Thema anders beurteilen."

Den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke erzürnte vor allem Hörmanns positive Wertung der niedrigen Aufklärungsquote der NADA. "Hörmann hat keine Ahnung. Was er sagt, ist blanker Unsinn, das beweisen schon die Erkenntnisse aus den Skandalen an der Uni Freiburg", sagte Franke. Sörgel hält Hörmanns Aussagen für "naiv und entlarvend. Einen wahren Fortschritt können wir von ihm offensichtlich nicht erwarten."

Dagmar Freitag, in der vergangenen Legislaturperiode die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, wertet ebenfalls kritisch. "Allein die Tatsache, dass es nur wenige positive Tests gibt, darf nicht zur Feststellung verleiten, dass kaum gedopt wird", sagte die SPD-Politikerin: "Dieses Feigenblatt ist zu klein", denn die Diskrepanz dieser Daten zu den Aussagen aus mehreren Doping-Studien sei "einfach zu groß".

Die ehemalige Leichtathletin Claudia Lepping, die auf ihrer Website "dopingalarm.de" Dopingsündern die Chance zur anonymen Beichte gibt, war von Hörmanns Ansichten erschüttert. "Wenn Herr Hörmann behauptet, die Dopingbekämpfung der NADA liefe bereits vorbildlich, frage ich mich, was ihn für das Amt des DOSB-Präsidenten in Sachen Doping befähigt: ein hohes Maß an Unwissenheit oder ein noch höheres Maß an Chuzpe?" Die Athleten würden Hörmann einem "Realitäts- und Glaubwürdigkeitstest unterziehen".

Die Nationale Anti Doping Agentur NADA verteidigt Hörmanns Sichtweise indirekt. "Gute Anti-Doping-Arbeit kann nicht nur an der Zahl der positiven Fälle gemessen werden, sondern muss auch andere Faktoren berücksichtigen", sagte die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann auf SID-Anfrage.

Hörmann ist am Samstag bei der Wahl des neuen Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) der einzige Kandidat. Seine Wahl gilt als sicher.