Nizza (dpa) - Nur nicht wieder Kasachstan! Beim Anflug auf die sonnige Côte d'Azur kann Joachim Löw die möglichen Reiseziele für die Qualifikation zur Fußball-EM 2016 entspannt durchgehen.

Der Blick in die Lostöpfe muss den Bundestrainer vor der Zeremonie im Palais des Congrès Acropolis am Sonntag (12.00 Uhr) in Nizza sportlich nicht beunruhigen. Auf dem Weg zur Endrunde in Frankreich möchte er nur die ungeliebten weiten Reisen wie zuletzt zweimal bis hinter den Ural vermeiden.

Die zwölfte EM-Teilnahme beim Turnier in Frankreich ist für Rekordsieger Deutschland, der in Auslosungstopf eins gesetzt ist, praktisch ein Selbstläufer. Ausgerechnet das verstimmt den DFB-Chefcoach mächtig. "Der sportliche Wert einzelner Spiele, aber auch des gesamten Wettbewerbs sinkt", moserte Löw vor dem Kurz-Trip ans Mittelmeer ungewöhnlich offen. Erstmals werden in gut zwei Jahren 24 von 54 Mannschaften des Kontinents bei der EM dabei sein.

Für die Qualifikation reicht eventuell sogar ein dritter Platz in den am Sonntag auch von Bundestorwarttrainer Andreas Köpke auszulosenden Sechsergruppen. Oliver Bierhoff gehört auch zu der Fraktion der Skeptiker: Man dürfe "den Fußball nicht beliebig werden lassen", mahnte der DFB-Teammanager.

Der Schuldige für die "Verwässerung" (Bierhoff) des weltweit zweitwichtigsten Titelkampfes für Nationalmannschaften ist leicht auszumachen. UEFA-Präsident Michel Platini hatte vor seinem Aufstieg auf den Fußball-Thron des Kontinents im Jahr 2007 gerade den kleinen und noch mehr den mittelgroßen Verbänden viel versprochen. Unter anderem die Aussicht auf EM-Teilnahmen durch Aufstockung des Teilnehmerfeldes.

"Es war eine Mehrheitsentscheidung, der wir uns fügen müssen", sagte DFB-Chef Wolfgang Niersbach - ein guter Freund von Platini, aber ein großer Gegner der Teilnehmer-Inflation. Nun muss Niersbach als Vorsitzender der UEFA-Wettbewerbskommission einen sportlich fragwürdigen Endrunden-Modus mit sechs Vierergruppen und 51 Spielen in 30 Tagen vertreten, für den man eine "Logarithmentafel" brauche, um ihn zu verstehen, wie der DFB-Präsident selbst einräumt.

In Ländern wie Österreich oder der Ukraine kommt Platini mit seiner Politik gut an. Die letzten EM-Gastgeber konnten sich sportlich noch nie für eine Endrunde qualifizieren und haben nun wie andere Fußball-Mittelständler wie Norwegen, Schottland oder Montenegro realistische Chancen. Gleich 26 der 53 teilnehmenden UEFA-Nationen waren noch nie bei einer EM dabei. Platini - ein selbsterklärter Fußball-Romantiker - sieht die Aufblähung des Turniers daher als demokratischen Akt.

Dem kann Löw wenig abgewinnen. Die Aussicht auf Pflichtspiele gegen Kontrahenten wie Ungarn, Slowenien, Estland, Moldau und UEFA-Neuling Gibraltar ist für den 54-Jährigen wenig verheißungsvoll. Und sie entwerten auch die Nationalmannschaft, was dem DFB überhaupt nicht gefallen kann. Während sich Bastian Schweinsteiger, Marco Reus und Co. mit Bayern München und Borussia Dortmund auf allerhöchstem Niveau in der Champions League gegen andere Weltklasseteams beweisen müssen, werden Länderspiele zum B-Programm degradiert. Mehr denn je wird Löw also bei der Auswahl seiner Testgegner auf Topnationen beharren.

Neue Wege geht die UEFA auch mit der Zentralvermarktung. Von Donnerstag bis Dienstag wird der Spielplan in der sogenannten Week of Football in die Länge gezerrt. Jeden Tag soll es "Spitzenfußball" live zu sehen geben. In Deutschland sicherte sich RTL anstelle der DFB-Dauerpartner ARD und ZDF die Übertragungsrechte an den Qualispielen, die am 7. September starten. Die Programmmacher dürften hoffen, dass am Sonntag wenigstens ein halbwegs attraktives Los der Kategorie Belgien, Kroatien, Österreich, Schweiz oder Türkei gezogen wird. Auch Löw hätte gegen Kontrahenten dieses Formats sicherlich keine Einwände.

UEFA-Homepage zur Qualifikationsauslosung