Moskau (dpa) - Die Familie der 2006 ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja will ungeachtet eines Schuldspruches gegen fünf Angeklagte weiter nach den Hintermännern suchen. "Wer glaubt, wir geben uns mit den Urteilen zufrieden, irrt sich", sagte der Sohn der kremlkritischen Reporterin, Ilja Politkowski.

In dem Prozess saßen der mutmaßliche Todesschütze, der angebliche Organisator des Verbrechens sowie Komplizen auf der Anklagebank. Politkowskaja war am 7. Oktober 2006, dem 54. Geburtstag von Präsident Wladimir Putin, vor ihrer Moskauer Wohnung erschossen worden.

Die Bluttat sorgte weltweit für Entsetzen. Nach Darstellung der Ermittler hatte der Unternehmer Lom-Ali Gaitukajew eine Bande für den Mord rekrutiert. In einem ersten Prozess 2009 waren vier der Angeklagten aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden.

Ilja Politkowski kündigte Schadenersatzforderungen von umgerechnet insgesamt 105 000 Euro gegen die fünf Männer an, die am Dienstag schuldig gesprochen worden waren. Einen Termin für die Verkündung des Strafmaßes hatte das Moskauer Stadtgericht nicht mitgeteilt. Politische Beobachter mutmaßen, dass die Spuren der Bluttat bis in Russlands Machtapparat reichen könnten und die wahren Hintergründe nie ans Licht kommen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte die russische Justiz zu weiteren Ermittlungen auf. Der Schuldspruch gegen die aus Tschetschenien stammenden Angeklagten sei "nur ein kleiner Schritt vorwärts", teilte Sprecher Sergej Nikitin mit. "Der Prozess hat zu viele Fragen offen gelassen - die Mordakte Politkowskaja kann nicht geschlossen werden, bis die Hintermänner gefunden und verurteilt sind", unterstrich Nikitin in Moskau.

Die scharfe Putin-Gegnerin hatte für die Zeitung "Nowaja Gaseta" aus dem früheren Kriegsgebiet Tschetschenien im Nordkaukasus über Menschenrechtsverletzungen berichtet. Mitherausgeber der auch in Deutschland erhältlichen Zeitung ist Friedensnobelpreisträger und Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow.

"Nowaja Gaseta"-Chefredakteur Dmitri Muratow sagte, die Zeitung sei bei Recherchen zum Fall auf "wichtige Details" gestoßen. Ein vermeintlicher Zeuge sei von dem Blatt unter Schutz gestellt worden, weil er "wichtige Aussagen" gemacht habe. Details nannte Muratow nicht.

Moskauer Stadtgericht