Abuja (dpa) - Kein Ende des Terrors in Nigeria: Keine zwölf Stunden nach der Explosion zweier Autobomben auf einem Markt der Stadt Jos mit mehr als 100 Toten haben mutmaßliche islamistische Terroristen in einem Dorf im Nordosten des Landes 30 Menschen getötet.

Bewohner berichteten der Zeitung "Leadership" (Mittwoch), die Männer hätten unter den Rufen "Allahu akbar" (Gott ist groß) um sich geschossen.

Der Doppelschlag in der zentralnigerianischen Stadt Jos, bei dem am Dienstag 118 Menschen getötet und 56 weitere verletzt wurden, war nach Angaben der nationalen Katastrophenschutzbehörde besonders tückisch, weil eine Bombe 30 Minuten nach der Explosion des ersten Sprengsatzes gezündet wurde. Zahlreiche Helfer, die sich nach der ersten Explosion um unter Trümmern begrabene Opfer und Verletzte bemühten, wurden dabei in den Tod gerissen.

Eine Bombe sei in einem Lastwagen, ein anderer Sprengsatz in einem Minibus versteckt gewesen, berichtete ein Offizier der Spezialeinsatzkräfte. Bis in die Morgenstunden suchten Rettungskräfte am verwüsteten Tatort nach Toten und Verletzten. Rund um den zentralen Markt wurden ein Krankenhaus, zahlreiche Läden und andere Gebäude beschädigt. Bis zum Abend lagen mächtige Rauchwolken über dem Ort.

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan sprach von einem "tragischen Anschlag auf die menschliche Freiheit". Die Regierung werde die Anstrengungen im Kampf gegen den Terror noch weiter intensivieren. Dabei sollten auch multinationale Truppen helfen, die am Tschadsee im Nordosten Nigerias stationiert sind.

Zunächst bekannte sich niemand zu den Anschlägen. Als Urheber wurde aber die Terrorgruppe Boko Haram vermutet. Die islamistische Organisation ist seit 2009 verantwortlich für den Tod Tausender Menschen in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Boko Haram, die auch Kontakten zu nordafrikanischen Al-Kaida-Ablegern haben, will zumindest im muslimischen Norden Nigerias einen fundamentalistisch-islamischen Staat errichten.

Die Geheimdienste der Staaten in der Afrikanischen Union (AU) wollen künftig enger im Kampf gegen Boko Haram zusammenarbeiten. Zunächst werde in den kommenden zwei Wochen ein internationales Expertenteam für alle Länder zusammengestellt, in denen Boko Haram aktiv sei, hieß es in einer in Addis Abeba veröffentlichten Mitteilung. Zentrale dieser Geheimdienstoperation werde die nigerianische Hauptstadt Abuja sein. Religiöse Führer, Medien und Vertreter der Zivilgesellschaft sollen in den Kampf gegen die Terroristen eingebunden werden.

Frankreich, Nigeria sowie vier andere afrikanische Länder hatten am Samstag bei einem Anti-Terrorgipfel in Paris einen Aktionsplan gegen die Terrororganisation beschlossen. Man werde den Informationsaustausch der Geheimdienste verstärken, die Aktionen afrikanischer Militärs koordinieren und die Grenzen in Afrika kontrollieren, sagte Frankreichs Präsident François Hollande. Eine Militäraktion des Westens gegen Boko Haram schloss er aber aus.

Mitte April hatte die Terrorgruppe mehr als 200 Schulmädchen in Chibok im Nordosten des Landes entführt. Die Islamisten drohen, die Mädchen zu verkaufen, wenn die Regierung gefangene Boko-Haram-Mitglieder nicht freilässt. Bisher fehlt trotz der Unterstützung von amerikanischen und europäischen Experten und dem Einsatz von westlichen Aufklärungsflugzeugen noch jede Spur von den Mädchen.

Eine der Schülerinnen, die den Entführern entkommen war, hat die örtliche Polizei und die Lehrer der betroffenen Schule heftig kritisiert. "Die Lehrer sind schon vor dem Überfall weggelaufen und haben uns alleingelassen", berichtete sie in der Stadt Chibok der Deutschen Welle. Auch Polizisten, die die Schule bewachten, seien vor dem Angriff geflohen. Obwohl schon frühzeitig der Plan der Islamisten bekannt geworden war, habe der Schuldirektor mit Drohungen verhindert, dass die Kinder nach Hause gehen.

DW-Interview