São Paulo (dpa) - Ein Elfmetergeschenk und die Nervenstärke von Doppel-Torschütze Neymar haben Brasilien die Eröffnungsparty bei der Fußball-Weltmeisterschaft gerettet. Trotz einer nicht titelreifen Vorstellung gewann die Seleção mit 3:1 (1:1) gegen Kroatien.

Damit machten die Brasilianer den ersten Schritt auf dem angestrebten Weg zur «Hexacampeão», dem sechsten WM-Titel. Nach dem frühen Rückstand durch ein Eigentor von Marcelo (11. Minute) traf Neymar (29./71.-Foulelfmeter) doppelt. In der Nachspielzeit sorgte Oscar (90.+1) für die endgültige Entscheidung.

Die Brasilianer scherte der Frust des Gegners wenig. «Das war das Beste. Ich hatte einen Sieg erwartet. Ein WM-Auftakt mit zwei Toren, das ist ein großes Glück», sagte Matchwinner Neymar. Auch Bayern-Profi Luiz Gustavo war happy: «Der Sieg bedeutet sehr viel. Er gibt uns etwas Ruhe für die nächsten Spiele.» David Luiz ergänzte: «Wir haben den ersten Schritt getan, es fehlen noch sechs.»

Höchst umstritten war der von Schiedsrichter Yuichi Nishimura verhängte Strafstoß. Nach einem harmlosen Zupfer von Dejan Lovren an Fred zeigte der Japaner zum Entsetzen der Kroaten auf den Elfmeterpunkt.

Kroatiens Coach Niko Kovac war aufgebracht wie selten zuvor. «Wir hören besser auf und fahren nach Hause. Das FIFA-Logo ist Respekt, Respekt für beide Teams. Wir haben heute keinen erfahren», schimpfte der frühere Bundesliga-Profi. «Jeder im Stadion und zweieinhalb Milliarden vor den Fernsehern haben gesehen, dass das kein Elfmeter war.» Tief enttäuscht war auch der Ex-Schalker Ivan Rakitic. «Die ganze Arbeit hat sich nicht ausgezahlt, obwohl wir so toll gespielt haben», klagte der Spieler aus Sevilla.

Die Elf von Trainer Luiz Felipe Scolari, der die Seleção 2002 zum fünften und bisher letzten WM-Titel geführt hatte, tat sich lange Zeit überraschend schwer gegen die von Ex-Bundesligaprofi Niko Kovac glänzend eingestellten Kroaten. Für die wenigen spielerischen Glanzlichter einer nur mäßigen Begegnung sorgte Neymar, der fast bei jedem Ballkontakt von den Anhängern begeistert gefeiert wurde. Mit 33 Länderspieltreffern zog der Angreifer mit Ronaldinho auf Platz sechs der ewigen brasilianischen Torschützenliste gleich.

Schon vor dem Anpfiff herrschte Gänsehautatmosphäre, als die Seleção und das Publikum die Nationalhymne weiter sangen, obwohl die Begleitmusik schon längst verstummt war. Als Symbol der Geschlossenheit hatte jeder Spieler beim Einmarsch ins Stadion seine rechte Hand auf die Schulter des Vordermannes gelegt.

Doch vor allem in der Anfangsphase lastete die Bürde des Turnierfavoriten schwer auf dem Team der Gastgeber, das ohne die gewohnte Leichtigkeit agierte. Die Kroaten nahmen die große Herausforderung sofort an, störten das Aufbauspiel des WM-Gastgebers und lauerten mit Erfolg auf Konter. In der 7. Minute geriet Brasiliens Abwehr nach einer Wolfsburger Co-Produktion erstmals in Schwierigkeiten. Dani Alves verschätzte sich bei der Flanke von Ivan Perisic, Ivica Olic köpfte den Ball knapp am Tor vorbei.

Wenig später war der 34 Jahre alte Angreifer auch Ausgangspunkt des kroatischen Führungstores, mit dem die Stimmung in der vollbesetzten Arena einen Dämpfer bekam. Die scharfe Hereingabe von Olic wurde von Mandzukic-Vertreter Nikica Jelavic leicht abgefälscht, der dahinter postierte Marcelo von Champions League-Sieger Real Madrid lenkte den Ball an seinem verdutzten Keeper Júlio César vorbei ins eigene Netz.

Das erste brasilianische Eigentor überhaupt bei einer WM mussten die Gastgeber erst einmal verdauen, dann setzte Neymar das erste Achtungszeichen. In der 22. Minute tanzte der Angreifer des FC Barcelona an der Torauslinie mehrere Gegenspieler aus, fand aber für seine Hereingabe keinen Abnehmer. Den Nachschuss von Oscar meisterte Stipe Pletikosa im Tor der Kroaten glänzend.

Für einen Ellenbogeneinsatz gegen Luka Modric sah Neymar (27.) sogar die erste Gelbe Karte des Turniers. Er will sich davon jedoch im zweiten Gruppenspiel am Dienstag in Fortaleza gegen Mexiko nicht irritieren lassen. «Ich werde normal weiterspielen», kündigte er an.

Dann versetzte der Superstar Fußball-Brasilien in einen kollektiven Freudentaumel, als er mit kurzem Antritt seine Widersacher abschüttelte und aus 20 Metern mit Hilfe des Innenpfostens zum erlösenden 1:1 traf. Das 32. Tor im 50. Länderspiel für den 22-Jährigen verlieh der Seleção aber nicht die erhoffte Sicherheit.

Auch in den zweiten 45 Minuten stemmten sich die Kroaten mit Erfolg den mit wenig Schwung vorgetragenen brasilianischen Angriffen entgegen. Mit der Einwechslung von Hernanes für Paulinho versuchte Trainer Scolari Mitte der zweiten Spielhälfte der müden Offensive seiner Elf Beine zu machen. In der 67. Minute flog ein Freistoß von Dani Alves knapp über das kroatische Tor, herausgespielte Angriffe hatten dagegen nun Seltenheitswert. Zum Sieg benötigten die Hausherren dann sogar ein Elfmetergeschenk.