Berlin/Brüssel (dpa) - Die umstrittene Pkw-Maut auf allen deutschen Straßen soll für Autofahrer unkompliziert werden - trotz neuen Verwaltungsaufwands für den Staat.

Der Preis der geplanten Vignetten werde "genauso automatisiert berechnet und mitgeteilt wie die Kfz-Steuer", sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Montag bei der Vorstellung seines Konzepts in Berlin.

Er versicherte, es werde keine Mehrbelastungen für Inländer geben, da Mautzahlungen durch Freibeträge bei der Kfz-Steuer voll ausgeglichen würden. Der Minister zeigte sich offen für Appelle, die Länder an Mehreinnahmen zu beteiligen. Von der Opposition und aus Nachbarstaaten kam Kritik.

Dobrindt sagte, jährlich gebe es 170 Millionen Fahrten ausländischer Autos nach oder durch Deutschland. Deren Halter seien bisher an der Finanzierung der Straßen weitestgehend nicht beteiligt. "Wir wollen diese Gerechtigkeitslücke schließen." Die EU-Kommission will die Pläne genau prüfen und erinnerte an das Verbot einer Benachteiligung ausländischer Fahrzeughalter. In den Eckpunkten Dobrindts gebe es "viele positive Elemente", erklärte die Behörde in Brüssel. Es könne aber kein grünes oder rotes Licht geben, bevor Details bekannt seien.

Kommen soll die Vignettenpflicht ab 1. Januar 2016 für alle Wagen bis 3,5 Tonnen, voraussichtlich auch für Motorräder. Konkret sollen heimische Pkw-Halter automatisch eine Jahresvignette erhalten - entweder direkt bei der Anmeldung des Wagens oder per Post. Der Preis wird nach Umweltfreundlichkeit, Hubraum und Zulassungsjahr errechnet.

So sollen für einen VW Passat 5 Diesel statt der bisherigen Steuer von 242 Euro künftig noch 137,50 Euro Steuer fällig werden - sowie 104,50 Euro für die Vignette, die den neuen Topf einer Infrastrukturabgabe fließen. Der Halter eines Honda Jazz 1,4 LS mit Benzinmotor zahlt künftig statt 94,50 Euro Steuer denselben Betrag für eine Vignette. Für Fahrzeuge, deren Besitzer keine Kfz-Steuer zahlen, wie für Elektroautos, ist auch die Vignette gratis.

Ausländische Fahrer sollen an Tankstellen Zehn-Tages-Vignetten zum Preis von 10 Euro und Zwei-Monats-Vignetten für 20 Euro kaufen können. Per Internet können sie auch eine Jahresvignette bestellen, die wie bei Deutschen nach den Fahrzeugeigenschaften berechnet wird.

Erwartet werden aus den Vignetten Gesamteinnahmen von 4,7 Milliarden Euro im Jahr - davon 3,8 Milliarden Euro von Einheimischen und 860 Millionen Euro von Haltern ausländischer Wagen. Die Systemkosten werden auf rund 260 Millionen Euro veranschlagt. Unter dem Strich sollen also rund 600 Millionen Euro von ausländischen Pkw-Fahrern in die neue Infrastrukturabgabe fließen, die zweckgebunden für Investitionen in die Straße verwendet werden soll.

Dobrindt begründete die Mautpflicht auf dem ganzen Straßennetz damit, dass ein Ausweichen auf kostenfreie kleinere Straßen vermieden werden soll. Bisher war über eine Nutzungsgebühr für Autobahnen diskutiert worden. Die Vorschläge sollen nun in der Regierung und im Bundestag weiter beraten werden, um einen Gesetzentwurf zu erstellen. Mit der EU-Kommission sei eine gemeinsame Arbeitsgruppe vereinbart worden.

SPD-Fraktionsvize Sören Bartol kündigte eine sorgfältige Prüfung an. "Für die Akzeptanz einer Pkw-Vignette in Deutschland ist ein allgemeinverständliches Modell wichtig." Aufgrund der Komplexität des vorgeschlagenen Modells gebe es noch viele zu klärende Fragen. Die Grünen lehnten die Pläne ab, die "unsinnig, ungerecht und ein bürokratisches Monstrum" seien, wie Parteichefin Simone Peter sagte.

Nordrhein-Westfalens rot-grüne Landesregierung warnte vor Folgen für den Grenzverkehr mit Nachbarländern. "Als nächstes werden die Niederlande und Belgien Pläne für ihre Maut schmieden", sagte Verkehrsminister Michael Groschek (SPD). Österreichs Verkehrsministerin Doris Bures sagte: "Der Gleichbehandlungsgrundsatz muss eingehalten werden." Sonst wolle ihr Land alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Die Niederlande kündigten Protest an. "Die Gebühr hat besonderes nachteilige Folgen für niederländische Autofahrer, vor allem im Grenzgebiet", sagte Verkehrsministerin Melanie Schultz van Haegen.

Mehrere Bundesländer meldeten schon Ansprüche an. "Wenn auf Landesstraßen und kommunalen Straßen eine Maut erhoben wird, dann müssen auch die Länder und Kommunen an den Einnahmen beteiligt werden", sagte der Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Reinhard Meyer (SPD) aus Schleswig-Holstein, der Zeitung "Die Welt" (Montag). Dobrindt signalisierte Verständnis dafür.

ADAC zu Umfrage zu Pkw-Maut

ADAC zu eigener Mautstudie

CSU-Parteitagsbeschluss für Pkw-Maut, 2011

Informationen zu Mautsystemen in Europa

Koalitionsvertrag, Pkw-Maut S. 31