Berlin (SID) - Sportmediziner Perikles Simon sieht Doping nach den jüngsten Enthüllungen in Russland weiter dramatisch auf dem Vormarsch und hält das internationale Kontrollsystem für gescheitert. Angesichts des riesigen pharmakologischen Angebots für Athleten und der limitierten Möglichkeiten im Testbereich sei "historisch gesehen der Tiefpunkt in der Dopingbekämpfung erreicht", sagte der Wissenschaftler der Süddeutschen Zeitung.

"Wir wissen im Grunde, dass Russland überall ist, nur in anderer Form", sagte Simon. Weniger durch das Kontrollsystem, dafür mehr durch die Recherche von Sportjournalisten habe man jüngste Erkenntnisse über Doping-Praktiken gewonnen. "In Kenia bekommen wir mehr Einblicke, in Großbritannien scheinen wir langsam so weit zu kommen zu verstehen, wie die Medaillenflut für London 2012 möglich war. In Deutschland können wir aktuell noch gar nicht richtig dahinterblicken."

Nach wie vor ein "Märchen des Sports" sei die Tour de France. Die berühmte Rundfahrt durch Frankreich sei "schon immer ein Experimentierkasten der Leistungsphysiologie" gewesen. Bereits in der Anfangsphase der Tour hätten die Fahrer höchstgefährliche Mittel zu sich genommen, "da dreht es einem den Magen um", wie der Mainzer Sportmediziner meinte.

Indirekt gefördert werde Doping auch durch Aussagen wie die von Bundesinnenminister Thomas de Maizière. "Auch jetzt fordert der Innenminister 30 Prozent mehr Medaillen, und so lange es da kein plausibles Konzept gibt, wie diese Medaillen entstehen sollen, gehe ich wie etliche meiner Kollegen davon aus, das wir so etwas eigentlich nur durch Doping erreichen können."

Völlig versagt habe nach Einschätzung des 42-Jährigen das weltweite Doping-Kontrollsystem. Es gebe nach wie vor eine Reihe von Substanzen, die nicht nachgewiesen werden könnten. Dazu gehörten Designermittel, veränderte Steroide aber auch das altbewährte Humaninsulin, das auch Fußballern und Radsportlern helfen würde. Besonders in den Trainingsphasen pumpen sich Athleten voll. Kronzeugin Julia Stepanowa habe das richtig gesagt. "Beim Training geht es nur um Doping", so Simon.

Allerdings sei die Gefahr auch groß, dass man mit dem jetzigen Kontrollsystem unschuldige Sportler überführe. Da die Zuverlässigkeit von Dopingtests angeblich bei 99,9 Prozent liege, würden bei weltweit rund drei Millionen Tests in 3000 Fällen ein falsches Ergebnis vorliegen.

Generell lieferte das aktuelle Kontrollsystem zu wenige Positivtests. Wenn am Ende bei 300.000 Proben und drei Millionen Einzeltests gerade mal 3000 auffällig seien und kein nennenswerter Anteil falsch positiv sei, "da muss ich einfach sagen: Herr, wirf Hirn vom Himmel", meinte der Leiter der Abteilung für Sportmedizin der Uni Mainz.