Rio de Janeiro (SID) - Der illegale Ticketverkauf für die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro hat nun auch für Thomas Bach ein Nachspiel. Die brasilianische Polizei will den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wegen eines regen E-Mail- und SMS-Austauschs mit dem verhafteten hochrangigen IOC-Funktionär Patrick Hickey als Zeugen anhören. Dies berichten übereinstimmend mehrere brasilianische Medien unter Berufung auf Polizeikreise.

Das IOC teilte auf SID-Anfrage mit, dass es sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern könne. "Für das IOC ist es selbstverständlich, dass es in dieser Frage kooperieren wird", hieß es. Gleichzeitig wurde allerdings darauf verwiesen, dass Bach derzeit keine Reise nach Brasilien geplant habe. Das IOC betonte erneut, dass für Hickey die Unschuldsvermutung gelte.

Der Ire hatte in einer der seit November 2014 abgefangenen 65 Nachrichten an Bach die für ihn im Vergleich zu London 2012 geringere Anzahl der zur Verfügung gestellten Eintrittskarten moniert. Zu dieser und anderen Mails soll der deutsche Sportfunktionär Bach bei einer möglichen nächsten Brasilienreise Stellung nehmen. Bach war eigentlich zur Paralympics-Eröffnungsfeier am Mittwoch in Rio erwartet worden, hatte aber kurzfristig wegen der Teilnahme am Staatsakt für den verstorbenen früheren Bundespräsidenten Walter Scheel abgesagt.

Am Dienstag wurden nach Abschluss der ersten Untersuchungsphase zehn Personen, darunter Hickey sowie dessen Landsmann Kevin James Mallon, Repräsentant der Hospitality-Firma THG, formell des Schwarzmarkthandels, des sogenannten Schmarotzermarketings - weil THG für Rio 2016 nicht offizieller IOC-Ticketpartner war -, des Betrugs, der Steuerhinterziehung, der Geldwäsche und der Bildung einer kriminellen Organisation mit einer möglichen Haftstrafe von bis zu acht Jahren angeklagt. Hickey lässt sein Amt als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Irlands momentan ruhen.

Die Festnahme Mallons am 5. August, dem Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, hatte den Fall ins Rollen gebracht. Beim Iren, dessen brasilianische Mitarbeiterin Barbara Carnieri ebenfalls verhaftet worden war, stellte die Polizei insgesamt 1050 Tickets, darunter viele für VIP-Bereiche, sicher, die zu überhöhten Preisen angeboten worden waren. Hickey, der die Eintrittskarten dem nicht vom IOC autorisierten Tickethändler THG zugespielt haben soll, war am 17. August in einer spektakulären Aktion versteckt in einem Hotel-Nebenzimmer in Haft genommen worden.

Hickey und Mallon machten bei Verhören am Wochenanfang von ihrem Recht des Schweigens Gebrauch. Während das Duo wie Carnieri zwar vorerst auf freiem Fuß bleibt, aber Brasilien nicht verlassen darf, hat die brasilianische Justiz auf die übrigen sieben Angeklagten im Ausland keinen Zugriff.