London (dpa) – Wenn Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz seine Fans angrinst und diese vor Freude kreischen, ist wieder alles so wie damals. So wie 2005, als die Band mit ihrem Hit "Durch den Monsun" den Durchbruch schaffte und ihnen die Fans zu Füßen lagen – erst in Deutschland und dann weltweit.

Auch zwölf Jahre später stehen junge Frauen noch stundenlang im Londoner Nieselregen Schlange, um bei ihren Stars in der ersten Reihe zu stehen.

In der britischen Hauptstadt spielen Tokio Hotel das erste Konzert ihrer Welttournee. Der "KOKO"-Club im angesagten Stadtteil Camden ist ausverkauft. 1500 Fans sind an diesem Sonntagabend gekommen. Während der circa 90-minütigen Show voller Lichteffekte und Ohrwürmer fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass die vier Magdeburger mal vor der zehnfachen Zahl an Leuten gespielt haben.

Mit den Songs ihres neuen Albums "Dream Machine" nehmen sie ihre Anhänger mit in eine Traumwelt. Die besteht aus sphärischem Synthie- Pop, Disco-Bass und hohem, bis zur Unkenntlichkeit verzerrtem Gesang. Der ist leider so unspektakulär, dass ihn Bill mit seinen nicht viel besseren, aber perfekt einstudierten Tanzmoves locker übertrifft. Auch die Gitarre von Bills Zwillingsbruder Tom Kaulitz schien selten überflüssiger. Während der meisten Stücke steht der mit Baggy-Hosen, Basecaps und Dreadlocks bekannt gewordene Gitarrist nur noch lässig nickend über Soundcomputern und Effektboards.

Doch trotz aller vermeintlichen musikalischen Defizite machen die 27-Jährigen eine verdammt gute Figur: Bill in silbern glitzernden futuristischen Kostümen und Tom etwa bei seinem angedeuteten Drumsolo mit Schlagzeuger Gustav Schäfer (28). Der bildet mit Bassist Georg Listing (29) die gewohnt souveräne Rhythmusgruppe, die stets bewusst im Schatten der Kaulitz-Brüder steht.

So waren es auch die Zwillinge, die 2010 von Deutschland nach Los Angeles zogen – sogar regelrecht fliehen mussten. Denn die Privatsphäre der Brüder war praktisch nicht mehr vorhanden: Ständig lagerten Fans vor ihrer angemieteten Villa bei Hamburg, die von Sicherheitsleuten bewacht wurde und von einer zwei Meter hohen Mauer umgeben war. "Das hat uns gerettet – sowohl musikalisch als auch privat", sagte Kaulitz kürzlich in der "ZDF"-Sendung "Markus Lanz". Listing und Schäfer wohnen dagegen noch in der Heimat.

Natascha Windheuser, heute 25, war schon mit 13 Jahren ein Tokio- Hotel-Fan der ersten Stunde. "Als ich gehört habe, dass sie in London spielen, musste ich einfach hingehen", erzählt die Koblenzerin. Über die paar Stunden Schlange stehen kann sie nur lächeln. Bei einem ihrer letzten Tokio-Hotel-Konzerte vor zehn Jahren musste sie noch 20 Stunden warten, um einen guten Platz zu bekommen.

"Als wütender Teenager habe ich Tokio Hotel geliebt", sagt auch Lauren Selway (24) aus Essex, "die Jungs waren einfach anders und in England kannte sie keiner. Das war cool."​ Die Engländerin lernte sogar Deutsch, um die Texte ihrer Idole verstehen zu können. An diesem Abend will sie sich in ihre Teenie-Zeit zurückversetzen.

Um diesen Flashback geht es womöglich vielen der überwiegend weiblichen Fans, die an diesem Abend gekommen sind. Denn trotz aller Wandlungen – Club-Tour statt Stadion-Konzert, Elektro-Pop statt Rockballade und Drei-Tage-Bart statt Manga-Frisur – sind Tokio Hotel auf eine merkwürdig authentische Art eine Teenie-Band geblieben.

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