Paris (dpa) - Schon vor dem endgültigen Ende der Präsidentenwahl ist klar, dass in Frankreichs Politik kein Stein mehr auf dem anderen steht. Im Endduell stehen sich mit Emmanuel Macron und Marine Le Pen zwei Außenseiter gegenüber.

Sie wollen alles sein - aber bloß nicht Vertreter des "Systems". Denn das ist in einer schweren Krise. Kandidaten der Sozialisten und der bürgerlichen Rechten, die seit einem halben Jahrhunderte die Geschicke des Landes bestimmen, flogen bereits aus dem Rennen.

Falls der vergleichsweise unerfahrene Favorit Macron bei dieser historischen Wahl gewinnen sollte, muss er die Franzosen überzeugen, dass sein Konzept - der Bruch mit der bisherigen Parteientradition - funktioniert. Seine erst vor gut einem Jahr gegründete Bewegung "En Marche!" sieht sich weder rechts noch links, ordnet sich nicht klar ein in das gewohnte Schema.

Im Parlament, das im Juni neu gewählt werden wird, hat Macron bisher keine Abgeordneten. Die Strategie des 39-jährigen Senkrechtstarters lautet: Durchmarsch.

"Es ist ein Wagnis", bilanziert seine Vertraute Sylvie Goulard ganz offen. "Die Präsidentenwahl soll eine Dynamik schaffen, um eine neue Generation an die Macht zu bringen." Die Herausforderungen in dem wirtschaftlich angeschlagenen und von einer Terrorwelle erschütterten Land sind riesig. Und vor der Abstimmung wurden Mitarbeiter von Macrons Bewegung Ziel eines großangelegen Hackerangriffs. Der Arztsohn aus Amiens setzt auf den "Geist der Eroberung" - und tritt gelegentlich wie ein Messias auf.

Im Gegensatz zum früheren Elitehochschüler Macron ist die 48-Jährige Le Pen schon ganz lange Außenseiterin - und spielt dies offen aus. Die Europaabgeordnete bekämpft Europa, wo es nur geht, und will Frankreich auf einen Abschottungskurs führen.

Die Kosten für den von ihr angestrebten Euro-Austritt nennt die Front-National-Politikerin wohlweislich nicht. Denn es geht dabei nicht nur um Milliarden, sondern auch um das mögliche Ende der Eurozone oder der gesamten EU. In Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten wird ihr Aufstieg mit Schrecken verfolgt.

Früherer Investmentbanker oder Erbin einer rechtsextremen Partei? Wirtschaftfreund oder selbst ernannte Kandidatin des Volkes? Viele Franzosen können mit dieser Alternative wenig oder gar nichts anfangen. "Macht was Ihr wollt, aber wählt Macron", ruft die linksgerichtete Zeitung "Libération" ihren Lesern zu.

Gerade Anhänger des in der ersten Runde gescheiterten Linksaußenpolitikers Jean-Luc Mélenchon hadern. Im Eckcafé ist immer ein Satz zu hören: "Je reste à la maison - Ich bleibe zuhause."

Aber auch viele Anhänger des konservativen Ex-Kandidaten François Fillon können sich mit Macron nicht anfreunden, sehen den Ex-Minister als Erben oder Marionette des unbeliebten Amtsinhabers François Hollande. In der Tat war Macron Topmitarbeiter des Sozialisten und danach zwei Jahre lang Wirtschaftsressortchef.

Macron muss sich laut Beobachtern deutlich in der zweiten Runde durchsetzen, um ausreichend Schwung für die sogenannte dritte Runde, also die Parlamentswahlen zu erzeugen. Vor zwei Wochen gingen über 22 Prozent der Berechtigten nicht ins Wahlbüro, wird diese Zahl nun höher liegen? Es wird auch darüber spekuliert, dass viele unzufriedene Menschen leere Umschläge in die Urne werfen könnten.

Im Élyséepalast wird bald ein anderer Wind wehen, auch das ist sicher. Im Falle eines Sieges will Macron seiner 25 Jahre älteren Frau Brigitte eine offizielle Rolle geben. Bereits im Wahlkampf zog die gelernte Französisch- und Lateinlehrerin im Hintergrund die Fäden. Der Partner von Le Pen, der Front-National-Europaabgeordnete Louis Aliot, hat hingegen kein Interesse an einem Umzug in den prunkvollen Amtssitz an der schicken Rue du Faubourg Saint-Honoré, vertraute Le Pen der Buchautorin Alix Bouilhaguet an.

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Mitteilung CNCCEP (Frz.)