Roccamorice (SID) - Bergfloh Nairo Quintana zeigte eine Demonstration der Stärke, aber für das Team Sky wurde der erste echte Favoriten-Showdown beim 100. Giro d'Italia unverschuldet zum Desaster. Der eindrucksvolle Etappensieg des kleinen Kolumbianers bei der zweiten Bergankunft am Blockhaus wurde überschattet von einem neuerlichen Zwischenfall mit einem Begleitmotorrad, der besonders die britische Mannschaft betraf. Die Diskussion um die Sicherheit dürfte damit erneut angefacht werden.

Davon unbeirrt fuhr Quintana auf dem neunten Teilstück in den Abruzzen nach 152 km ins Rosa Trikot, das er vom bisherigen Führenden Bob Jungels (Luxemburg/Quick-Step Floors) übernahm. Der Movistar-Profi ließ nach mehreren Attacken auch seinen scheinbar härtesten Rivalen Vincenzo Nibali (Italien/Bahrain-Merida) stehen, der als Tagesfünfter eine Minute verlor. Am dichtesten an Quintana blieben Thibaut Pinot (Frankreich/FDJ) und Tom Dumoulin (Niederlande/Sunweb) auf den Rängen zwei und drei mit 24 Sekunden Rückstand.

Aber es wurde nicht nur über den Sieger gesprochen, der seine Ambitionen auf den zweiten Gesamtsieg nach 2014 eindrucksvoll unterstrich. Erneut gerät die Rolle der Begleitfahrzeuge ins Zwielicht. Der Niederländer Wilco Kelderman aus dem deutsch-lizenzierten Team Sunweb, wichtigster Helfer von Dumoulin, war kurz vor dem fast 14 km langen Schlussanstieg an einem am Straßenrand deplatziert stehenden Polizeimotorrad hängen geblieben.

Kelderman geriet aus der Balance und löste eine Kettenreaktion aus. Besonders die britische Sky-Mannschaft war von dem Crash betroffen, der den Rennausgang klar beeinflusste. Die Kapitäne Geraint Thomas (Großbritannien) und Mikel Landa (Spanien) fielen dadurch aussichtslos zurück.

"Das ist ein Unding. Ich bin erstmal nur sauer, wir werden morgen sehen, ob und wie es weitergeht", sagte Thomas, der sich die Schulter auskugelte. Kelderman musste das Rennen sogar gleich verletzt aufgeben. "Ich kann mich nicht freuen, wir haben Kelderman verloren. Was für ein dämliches Motorrad. Ich bin um Zentimeter noch vorbeigekommen, hatte einfach Glück", sagte Dumoulin.

Der Schlussanstieg in den Abruzzen, der auf die schwerstmögliche Art von Roccamorice aus bewältigt werden musste, war schon auf dem Papier einer für die reinen Kletterer wie Quintana. Auch mit Blick auf das erste Einzelzeitfahren über fast 40 km am Dienstag wollte sich der Kolumbianer einen Vorteil verschaffen - etwa auf den Niederländer Dumoulin oder Jungels, der am Blockhaus einbrach und 3:30 Minuten einbüßte.

Am Samstag auf der achten Etappe, die der Spanier Gorka Izagirre gewann, hatte der Luxemburger noch problemlos mithalten können, als die Favoritengruppe bei der winkligen Zielanfahrt durch Peschici arg in die Länge gezogen wurde. 

"Wir werden den großen Fight bekommen, den wir am Ätna nicht hatten", hatte Dumoulin vor der Etappe am Sonntag auch in Bezug auf die erste, eher ereignislose Bergankunft vor knapp einer Woche auf Sizilien gesagt. "Dieser Anstieg ist wesentlich härter", meinte Sky-Kapitän Thomas - bevor er zum großen Pechvogel wurde. Auch Jungels erwartete wagemutige Aktionen: "Es wird Zeit, sich zu zeigen. Der große Kampf beginnt." Doch dass wieder einmal ein Begleitmotorrad großen Einfluss nehmen würde, hatte keiner erwartet.

Am Montag haben die Profis am zweiten Ruhetag der diesjährigen Italien-Rundfahrt die Gelegenheit zu regenieren. Dann wird vermutlich auch Thomas wissen, ob der Giro für ihn vorzeitig zu Ende ist.