Köln (SID) - Marco Sturm herzte seinen Helden und schrie seine Freude hinaus, derweil feierte das Publikum nach einem Penalty-Krimi lautstark mit Sprechchören Matchwinner und Teufelskerl Frederik Tiffels. Ausgerechnet dank des Tores des US-College-Spielers, aber auch dank eines Psychotricks von Bundestrainer  Sturm hatte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der Heim-WM zuvor das Viertelfinale erreicht. Das Team um NHL-Star Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers gewann das Nervenspiel gegen Lettland mit 4:3 (0:0, 2:1, 1:2, 0:0, 1:0) und löste das letzte Ticket für die K.o.-Runde. Gegner ist am Donnerstag (20.15 Uhr/Sport1) Olympiasieger und Titelverteidiger Kanada.

Für die umjubelte Entscheidung sorgte in Tiffels der einzige Nichtprofi im DEB-Team im Penaltyschießen. "Das war schon wunderschön. Ein geiler Moment für mich, aber auch für das ganze Team. Jetzt freuen wir uns auf das Viertelfinale, da ist alles drin", sagte der gebürtige Kölner nach der Schlussirene überglücklich bei Sport1 und Draisaitl meinte: "Wir haben es uns schwerer gemacht als nötig. Aber jetzt sind wir sehr glücklich."

Der Mannheimer David Wolf und Dennis Seidenberg von den New York Islanders mit einem Doppelschlag in 28 Sekunden (32.) und Schweden-Legionär Felix Schütz 32 Sekunden vor Schluss hatten vor 18.797 Zuschauern in Köln in der regulären Spielzeit die Tore für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) erzielt, die letztendlich ihre Serie bei Heimturnieren fortsetzte: Zum achten Mal nahm die deutsche Mannschaft an einer WM im eigenen Land teil, zum achten Mal landete sie unter den ersten Acht. Gunars Skvorcovs (39.), Janis Sprukts (49.) und Andris Dzerins (57.) trafen für die Letten, die als Vorrundenfünfte ausschieden.

Vor 16 Jahren hatte Sturm als Spieler die DEB-Auswahl ins WM-Viertelfinale an selber Stelle geführt. Jetzt war seine Anspannung größer, wie er zugab: "Als Trainer hat man nicht so viel Einfluss. Da ist man gefangen hinter der Bande." Doch der 38-Jährige hatte sich etwas Besonderes überlegt - ein Psychospielchen. Weil die Letten beim Training spioniert hatten, wirbelte er im offiziellen Spielberichtsbogen die Reihen völlig durcheinander. Auf dem Eis standen ganz andere Formationen. Draisaitl, der mit genialen Pässen glänzte, spielte mit den Nürnbergern Patrick Reimer und Yasin Ehliz.

Die Letten schienen in der Tat ein wenig verwirrt, die deutsche Mannschaft erwischte den besseren Start und hatte bei zwei Überzahlspielen gleich mehrere gute Torchancen. Doch Elvis Merzlikins, bislang der beste Torhüter des Turniers, verhinderte eine frühe Führung. Ehliz traf den Pfosten (13.). Nach einem starken ersten Drittel standen 19:4 Torschüsse zugunsten des Gastgebers zu Buche, der Spielstand aber war 0:0. "Wie die Mannschaft spielt, das ist Leidenschaft pur", sagte DEB-Präsident Franz Reindl bei Sport1: "Es fehlt nur ein Tor."

Schwer ins Schwung kam Draisaitl. Dem Jungstar fehlten im 113. Spiel der Saison zunächst die Frische und Spritzigkeit. "Er hat noch einiges im Tank", hatte Sturm versprochen. Im zweiten Drittel drehte er auf und zeigte er seine Klasse, als er Reimer freispielte, der DEL-Rekordtorschütze aber scheiterte (26.). 

Das dritte deutsche Powerplay brachte die Führung: Wolf staubte nach einem Schuss von Christian Ehrhoff ab. Nur 27 Sekunden später war Seidenberg erfolgreich - ebenfalls im Nachschuss. Im deutschen Tor stand Philipp Grubauer, der sechs Tage zuvor mit den Washington Capitals in den NHL-Play-offs ausgeschieden war - erstmals seit dem entscheidenden 3:2 bei der Olympia-Qualifikation in Riga gegen Lettland. Im zweiten Drittel bekam der 25-Jährige mehr zu tun und glänzte mit einigen spektakulären Paraden. 

Der Kölner Stürmer Philip Gogulla saß als überzähliger Feldspieler ebenso auf der Tribüne wie NHL-Torwart Thomas Greiss. Der 31-Jährige, der mit seinem Instagram-Like für einen Hitler-Vergleich für Wirbel gesorgt hatte, fehlte erneut wegen einer leichten Verletzung.