Moskau (dpa) - Ungeachtet von Protesten der russischen Kulturszene hat die Justiz den prominenten Theaterregisseur Kirill Serebrennikow (47) unter Betrugsverdacht festgenommen. Der Leiter des Moskauer Gogol-Theaters stehe im Verdacht, zwischen 2011 und 2014 staatliche Gelder von 68 Millionen Rubel (knapp eine Million Euro) veruntreut zu haben.

Das teilte das Staatliche Ermittlungskomitee am Dienstag in Moskau mit. Serebrennikow wurde nachmittags in Moskau verhört und mit den Vorwürfen konfrontiert. Er erklärte sich für unschuldig.

Die Festnahme des international renommierten Regisseurs hat auch auf Deutschland Auswirkungen: Er sollte in Stuttgart für den 22. Oktober "Hänsel und Gretel" als erste Opernpremiere der neuen Spielzeit inszenieren. Die Leitung der Stuttgarter Oper, an der Serebrennikow 2015 mit großem Erfolg "Salome" inszeniert hatte, kritisierte das Vorgehen als politisch motiviert. Die Premiere dürfte wegen der Festnahme gefährdet sein. Allerdings hoffe das Theater weiter, dass Serebrennikow planmäßig am 18. September mit der Arbeit beginnen könne, sagte ein Sprecher. Der Deutsche Bühnenverein in Köln sprach von einem "zutiefst schockierenden Vorgang".

Dem als Kremlkritiker geltenden Künstler droht Justizquellen zufolge Untersuchungshaft oder im günstigeren Fall Hausarrest. "Weil Serebrennikow als Drahtzieher des Betrugs verdächtigt wird, ist bei ihm Freiheitsentzug wahrscheinlich", sagte ein Sprecher der Agentur Interfax. Eine Entscheidung sollte am Mittwoch fallen, wie der Anwalt des Künstlers sagte.

Geschockte russische Künstler versuchten, dieses Schicksal für ihren Kollegen abzuwenden. Der Vorsitzende des Theaterverbandes, Alexander Kaljagin, bot an, für Serebrennikow zu bürgen. Auch der Leiter des Bolschoi-Theaters in Moskau, Wladimir Urin, sprach sich gegen Haft aus. "Er ist ein sehr begabter und talentierter Mensch. Das Bolschoi betrachtet ihn als einen großen Künstler." Allerdings hatte das Bolschoi im Juli ein Ballett des Regisseurs über den russischen Startänzer Rudolf Nurejew kurz vor der Uraufführung abgesetzt.

Auch der Filmemacher Pawel Lungin und der frühere Finanzminister Alexej Kudrin riefen dazu auf, Serebrennikow nicht in Haft zu nehmen. "Die Festnahme eines Regisseurs schießt eindeutig über das Ziel hinaus", schrieb Kudrin auf Twitter. Doch der Journalist Andrej Loschak kommentierte auf Facebook pessimistisch: "Kirill ist die ideale Figur für einen Schauprozess gegen die Liberalen."

Die Justiz wirft Serebrennikow besonders schweren Betrug vor, worauf im russischen Strafrecht hohe Geldstrafen oder bis zu zehn Jahre Haft stehen. Die Behörden hatten die Wohnung des Regisseurs und das Theater im Mai durchsucht. Drei frühere Mitarbeiter wurden mit Untersuchungshaft oder Hausarrest belegt. Serebrennikow war nach Behördenangaben zunächst Zeuge in dem Verfahren. Weil aber sein Pass eingezogen war und er nicht ins Ausland reisen durfte, fürchtete auch er eine Verhaftung.

Den Vorwurf der Veruntreuung nannte er bei der Vernehmung absurd. Allerdings hat ihn die frühere Chefbuchhalterin seiner Produktionsfirma "Siebtes Studio" in Vernehmungen belastet. Am Gogol-Theater im Moskauer Stadtzentrum zog laut der Agentur Tass Polizei auf, um mögliche Solidaritätskundgebungen für Serebrennikow zu unterbinden.

Mitteilung Staatliches Ermittlungskomitee (Russ.)

Tweet Kudrin (Russ.)

Russ. Strafrecht, Paragraf 159 (Russ.)

Loschak auf Facebook (Russ.)