London - Auch etliche Kisten mit Bibeln wurden an die Küste der südenglischen Grafschaft Devon gespült. Doch die Heilige Schrift rührten die Strandräuber, die am Montag mindestens 20 angeschwemmte Container des gestrandeten Frachters "Napoli" plünderten, nicht an. Ansonsten aber brachten hunderte Plünderer - teils unter Beobachtung von Fernsehkameras - alles, was irgendwie nach materiellem Wert aussah ins Hinterland: Teure Weine, Parfüms, Kosmetika, Luxus-Motorräder, Damenmode, Schuhe, Ersatzteile für Fahrzeuge und vieles mehr.

"Es war wie ein Rausch", sagte später eine ältere Frau Reportern. "Ich schäme mich." Was immer sie mitgehen ließ, werde sie "unbedingt wieder abliefern". Die Szenen der Plünderungen machten für ein paar Stunden fast vergessen, dass dem Küstenabschnitt "Jurassic Coast", der zu den schönsten Europas zählt und von der UNESCO als Weltnaturerbe eingestuft wurde, eine schlimme Ölpest drohte. Helfer der Küstenwache begannen, aus der "Napoli" rund 3200 Tonnen Schweröl abzupumpen, um eine verheerende Verseuchung der Strände zu verhindern.

WWF ohne Chance gegen den "Goldrausch"

Etliche Seevögel der Region, so warnte die Umweltschutzorganisation World Wide Found for Nature (WWF), könnten verenden, wenn die komplizierte Abpumpaktion nicht gelinge. Hunderten Küstenbewohnern stand der Sinn allerdings keineswegs nach der Rettung irgendwelcher Vögel. Noch in der Dunkelheit strömten sie zum Strand bei Branscombe, der sich plötzlich in eine "Goldküste" verwandelt hatte. Etliche der 200 von der "Napoli" gerutschten Container waren hier angeschwemmt worden, mit Waren im Wert von hunderttausenden Euro.

Es waren Szenen, die an die Aufregung und Gier der Strandpiratie früherer Jahrhunderte denken ließen - nur dass kein Strandvogt mehr existiert, der die Ablieferung der geplünderten Ware einfordern konnte. Das übernahm ein Sprecher der Polizei: "Den Leuten muss klar sein, dass dies kein frei verfügbares Strandgut ist. Wir werden gegen die Räuber vorgehen. Sie riskieren alle, vor Gericht zu landen." Nach britischem Gesetz seien am Strand gefundene und mitgenommene Wertgegenstände innerhalb von 28 Tagen meldepflichtig. Nur wenn ein eigens benannter Rechtsvertreter der Eigentümer ausdrücklich zustimme, dürfe Strandgut von den "Findern" behalten werden.

Plünderer verschwanden schwer bepackt

Der örtliche Polizeichef Steve Speariett schätzte, dass "ungefähr 15 BMW-Motorräder vom Strand weggerollt wurden". Es habe zumindest auch Versuche gegeben, eine Mercedes-Limousine aus einem der Container zu entwenden. Die Plünderer brachten ihre Beute mindestens in einem Fall mit einem Traktor weg. Im Laufe des Vormittags zogen zusätzliche Polizeikräfte auf, um der Diebesorgie ein Ende zu bereiten.