Istanbul - Nach dem Geständnis des 17-jährigen Ogün Samast prüfe die Polizei die politische Dimension der Tat, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Acht Verdächtige, unter ihnen der verurteilte nationalistische Attentäter Yasin Hayal, wurden Presseberichten zufolge im Zusammenhang mit der Tat verhört. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk warf der Regierung in Ankara vor, mit ihrem Festhalten an dem Verbot der "Beleidigung des Türkentums" Dinks Tod verschuldet zu haben.

Die Ermittler untersuchten den möglichen Einfluss einer Organisation, sagte der Istanbuler Polizeichef Celalettin Cerrah laut Anadolu. Samast gehört Presseberichten zufolge zu einer Gruppierung in der am Schwarzen Meer gelegenen Nationalisten-Hochburg Trabzon. Unmittelbar nach seiner Verhaftung am Samstag hatte er gestanden, den 52-jährigen Dink vor dem Gebäude von dessen armenisch-türkischer Wochenzeitung "Agos" erschossen zu haben. Bei einem Ortstermin am späten Sonntagabend schilderte Samast unter umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen die Einzelheiten der Tat.

"Kein Junge, der so etwas ganz allein macht"

Nach Einschätzung von Samasts Mutter Havva wurde der Jugendliche benutzt. "Er ist aggressiv, aber er ist kein Junge, der so etwas ganz allein macht", sagte sie in einem TV-Interview. Die Zeitung "Hürriyet" berichtete, der Ultranationalist Yasin Hayal habe den minderjährigen Samast zu der Tat angestiftet und ihm die Tatwaffe gegeben. "Ich wurde ausgewählt, weil ich schnell rannte und gut zielte", soll Samast der Zeitung zufolge in einem Verhör gesagt haben. Reue zeigte er demnach nicht. Hayal hatte 2004 aus Protest gegen die US-Besatzung im Irak einen Bombenanschlag auf eine Filiale der US-Schnellrestaurantkette McDonald's in Trabzon verübt und war dafür zu elf Monaten Haft verurteilt worden.

Pamuk sagte laut türkischen Zeitungsberichten, Schuld an dem Mord trügen vor allem all jene, die an dem berüchtigten "Türkentum"-Paragrafen 301 des Strafgesetzbuches festhielten. Gegen Dink sei eine Kampagne in Gang gesetzt worden, die den Journalisten zum "Feind der Türken" ausgerufen und zur Zielscheibe für den Mordanschlag gemacht habe. Dink, Pamuk und andere Intellektuelle waren in den vergangenen zwei Jahren auf Grundlage des Paragrafen 301 vor Gericht gestellt worden, der die "Beleidigung des Türkentums" verbietet. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte nach Dinks Tod angeordnet, dass Pamuk und andere prominente 301-Opfer unter Polizeischutz gestellt werden sollten.

Appell an Regierung

Auch die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) forderte ein Umdenken der türkischen Regierung. "Die Streichung des Paragrafen wäre ein deutliches Zeichen, dass Journalisten nicht länger wegen kritischer Äußerungen eingeschüchtert oder bedroht werden dürfen", erklärte ROG in Berlin.