Berlin - Nach der Lektüre seiner Stasi-Akte kann Bundespräsident Horst Köhler nur staunen. Bei einem DDR-Besuch in den 80er Jahren - damals noch als Beamter des Bundesfinanzministeriums - hätten die Spitzel fleißig notiert, dass er zu Bett gegangen sei und sogar gefrühstückt habe. "Aber das Ministerium für Staatsicherheit hat offenbar auch in dieser Sammlung von Informationen einen Nutzen gesehen", sagte Köhler in Berlin bei einem Besuch der Birther-Behörde.

Seine eigene Akte hatte er schon vor einiger Zeit gelesen, in der Stasi-Unterlagenbehörde ließ sich Köhler nun die zentrale Personendatei mit rund 5,4 Millionen Einträgen aus DDR-Zeiten zeigen. Das Fazit des Bundespräsidenten: "Die Aufarbeitung der SED-Diktatur ist wichtig und ist noch nicht beendet."

Weltmeister der Karteikarten

Am Sonntagabend hatte er noch mit den deutschen Handball-Helden in Köln mitgefiebert. Am Montagmorgen punkt 10 Uhr fuhr das Staatsoberhaupt gemeinsam mit Ehefrau Eva Luise Köhler "schon wieder ganz gut erholt" bei den Weltmeistern der Karteikarten vor. Archivarin Christine Eisenberg führte stolz die neuen, modernen Aktenpaternoster vor. Erst 2006 sei das Stasi-Archiv in die neuen Räume eingezogen. Dabei habe man die Karteikarten von A-K und von L-Z zu einem gemeinsamen Bestand "verdichtet". "Das ist eine optimale Unterbringung des Formblatts 16", lobte Eisenberg.

Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, präsentierte beim 90-minütigen Rundgang beeindruckende Zahlen. Insgesamt verwahre ihre Behörde rund 40 Millionen Karteikarten. Über 1,5 Millionen Menschen hätten seit der Wende wissen wollen, "was die Stasi über sie gesammelt hat". Und der Andrang sei ungebrochen. Mit 97.000 Interessenten habe es 2006 sogar 20 Prozent mehr Anträge auf Akteneinsicht gegeben als im Vorjahr.

Den Blick in die Zukunft richten

Auch Köhler ließ keinen Zweifel daran, dass er die Stasi-Unterlagenbehörde über 16 Jahre nach der deutschen Einheit weiterhin für "wichtig" hält. "Ich glaube, dass hier gute Arbeit geleistet wird", sagte der Bundespräsident und riet Birthler, den Blick in die Zukunft zu richten.