Hamburg - Es ist, als habe er mit dem scheidenden SPD-Landeschef Mathias Petersen die Rollen getauscht. Im vergangenen Jahr, als sich Henning Voscherau seiner Partei als "Joker" für die Hamburger Bürgerschaftswahl 2008 anbot, wurde der Altbürgermeister nach eigenem Empfinden "Opfer eines monatelangen presseöffentlichen Mobbings", bis er auf dem Parteitag im Mai seinen Verzicht erklärte. Er wolle "keine Zerreißprobe" für die Hamburger SPD, sagte er damals zur Begründung und sicherte Petersen seine Unterstützung zu. Der wiederum machte nun nach monatelanger Kritik, einem Misstrauensvotum des Landesvorstands und einer gescheiterten Urwahl den Weg frei für einen Neuanfang - und eine mögliche Spitzenkandidatur des 65-jährigen Voscherau.

"Ich wünsche mir von allen Mitgliedern, dass wir uns jetzt gemeinsam hinter einen Kandidaten stellen", sagte Petersen am Sonntag, "und ich hoffe, es wird Henning Voscherau." Diese Hoffnung teilen viele in der krisengeschüttelten Hamburger SPD, ruft sein Name doch Erinnerungen an bessere Tage der Partei in ihrer einstigen Hochburg hervor. Als damaliger Fraktionsvorsitzender in der Hamburger Bürgerschaft löste er 1988 Klaus von Dohnanyi als Bürgermeister ab und regierte die Hansestadt bis 1997. Erst sein Nachfolger Ortwin Runde verlor 2001 die Macht im Hamburger Rathaus an das damalige Bündnis der CDU unter Ole von Beust mit der Schill-Partei.

Voscherau lässt "sozialdemokratisches Herz höher schlagen"

Der promovierte Jurist Voscherau ist bei den Hamburger Genossen nach wie vor hoch angesehen, gilt als kompetenter und fleißiger Politiker. Viele schätzen vor allem sein rhetorisches Talent, bei dem ihm vielleicht seine Herkunft aus einer Schauspielerfamilie zugute kommt: Er sei ein "fantastischer Redner, der einen Raum ein Stück anzuheben vermag" und so "das sozialdemokratische Herz höher schlagen lässt", heißt es aus den Reihen seiner Parteikollegen. Sie hoffen, dass Voscherau auch die Wähler in der Hansestadt überzeugen und die SPD damit aus ihrer andauernden Krise führen könnte. Der 65-Jährige wäre ein Kandidat, der Amtsinhaber von Beust "auf Augenhöhe" gegenübertreten könnte, lobt der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs.

Bei jeder Bürgerschaftswahl seit seinem Rücktritt in der Wahlnacht 1997 wurde über eine mögliche Spitzenkandidatur Voscheraus spekuliert - dieses Mal könnte er es wahr machen. Allerdings erst nach Rücksprache mit seiner Frau und seinen drei Kindern: "Ohne Basis in der Familie geht es nicht", schrieb Voscherau am Wochenende in einer in mehreren Hamburger Zeitungen veröffentlichten Erklärung. Jüngsten Umfrageergebnissen zufolge müsste er sich im Falle eines Wahlsieges wohl auch mit einer rot-grünen Koalition anfreunden, die derzeit auf ein rechnerisches Patt mit der allein regierenden CDU käme. Nach gescheiterten Koalitionsgesprächen mit den Grünen 1993 hatte er ein solches Bündnis 1997 noch abgelehnt und Runde mit seinem Rücktritt die Verhandlungen überlassen.

Meister des Taktierens

An anderer Stelle, etwa als Vorsitzender des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat, hat sich Voscherau den Ruf eines brillanten Verhandlungsführers erworben. Außerdem gilt er als ein gewiefter Taktiker und "Meister der politischen Dramaturgie und des richtigen Zeitpunkts". Letzteren dürfte er im Falle seiner Kandidatur treffen: Nach wochenlangen Querelen sehnen sich die Genossen nach neuer Geschlossenheit der Partei. Da kämen Voscherau auch die Fähigkeiten als Notar zupass, wie er sie auf seiner Internetseite beschreibt. Ein guter Notar könne im Streitfall "beiden Seiten zuhören" und "zukünftige Konflikte voraussehen": "Ein schöner Beruf, der Menschen helfen kann" - und vielleicht auch der zuletzt zerstrittenen Hamburger SPD. (tso/AFP)