Berlin - Merkel sei "stinksauer" über von Kauder öffentlich geäußerte Zweifel am Bedarf für zusätzliche Betreuungsplätze, berichtete die "Passauer Neue Presse" (PNP) unter Berufung auf CDU-Kreise. Zugleich habe die Kanzlerin Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) Unterstützung für ihre Forderung nach mehr Kita-Plätzen zugesagt. Parteiübergreifend forderten Politikerinnen anlässlich des internationalen Frauentages Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen im Berufsleben.

Kauder hatte nach der Koalitionsrunde am Montagabend auf einen Passus im Koalitionsvertrag verwiesen, wonach Union und SPD bis zum Jahr 2010 zusätzliche 230.000 Ganztagesplätze für Kinder schaffen wollen. Nun müsse erst einmal geklärt werden, ob dies nicht womöglich ausreichend sei. Von der Leyen fordert die Schaffung von rund 500.000 weiteren Betreuungsplätzen. Die Äußerungen Kauders waren daher als Distanzierung der Unionsspitze von der Politik von der Leyens verstanden worden.

Laut "Passauer Neue Presse" teilte Merkel nun von der Leyen mit, dass sie die Haltung Kauders nicht mittrage. Vielmehr habe sie die Familienministerin aufgefordert, nicht von ihrer Linie beim Thema Krippenplätze abzuweichen. Mit Kauder wolle die Kanzlerin ein klärendes Gespräch führen, berichtete das Blatt weiter unter Berufung auf Regierungskreise. Kauder habe mit seinen Äußerungen ein "klassisches Eigentor" erzielt. "Das ist ein GAU", erklärte dazu laut "PNP" ein CDU-Präsidiumsmitglied.

In der Bundestagsdebatte zum Frauentag verzichtete von der Leyen am Donnerstag darauf, ihre Forderung nach 500.000 zusätzlichen Betreuungsplätzen zu wiederholen. Sie plädierte lediglich in allgemeiner Form für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Das ist für mich ein ausdrückliches Ziel", sagte die Ministerin. Die Grünen-Politikerin Irmingard Schewe-Gerigk sagte mit Blick auf den Streit in der Union, manche CDU-Politiker täten so, "als ob die Zwangseinweisung direkt vom Kreißsaal in die Kinderkrippe bevorsteht". Eine stärkere Privatisierung der Kinderbetreuung verlangte die FDP-Politikerin Ina Lenke.

Statistik: Vorschulkinder flächendeckend betreut

Wie das Statistische Bundesamt bekanntgab, ist eine flächendeckende Betreuung älterer Vorschulkinder in Deutschland inzwischen weitgehend gewährleistet. Neun von zehn Kindern zwischen drei und fünf Jahren gingen demnach im vergangenen Jahr in eine Kindertagesstätte. In Westdeutschland waren es den noch vorläufigen Daten zufolge 89 Prozent, in Ostdeutschland 93 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe.

Einig waren sich Politikerinnen aller Parteien im Bundestag in ihrer Kritik an ungleicher Bezahlung von Männern und Frauen. Die Koalitionsfraktionen hatten dazu einen Antrag vorgelegt. Schwewe-Gerigk kritisierte allerdings, dass darin nur unverbindlich von "prüfen", "werben" bei der Wirtschaft und "ermutigen" die Rede sei. "Hallo, haben die eigentlich erkannt, dass sie in der Regierung sind", fragte die Grünen-Politikerin. Sie warf von der Leyen vor, in ihrer Rede keinerlei konkrete Maßnahmen vorgeschlagen zu haben. Die Linksfraktion verlangte erneut einen gesetzlichen Mindestlohn. Davon würden vor allem Frauen profitieren, da sie im Niedriglohnsektor überdurchschnittlich vertreten sind. (tso/AFP)