Berlin - Seit dem Ausscheiden aus dem Bundestag vor fünf Jahren meldete sich der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler nur noch gelegentlich in Interviews zu Wort. Nun ist der 77-Jährige fast täglich in den Schlagzeilen, am Donnerstag trat er schließlich vor die Presse. Der Andrang war dabei beträchtlich - und wie fast alles in diesen Tagen hat die gesteigerte Aufmerksamkeit mit dem G-8-Gipfel zu tun.

Vor zwei Wochen war Geißler dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten. Geplant sei die Aktion nicht gewesen; seit dem G8-Gipfel von Genua 2001 habe Geißler aber mit dem Gedanken gespielt. Attac agiere gewaltfrei und vertrete wie er die Konzeption einer humanen Gestaltung der Globalisierung, erklärte Geißler.

Geißler beklagt "unglaubliche Exzesse"

Die Globalisierungstendenzen von heute sind für ihn weit davon entfernt. Die weltweite Schere zwischen Arm und Reich bezeichnete er als "globale Sozialapartheid". Die Verabsolutierung des "Shareholder Value" führe zu "unglaublichen Exzessen". Geißler wetterte gegen die "Entfesselung" der Marktwirtschaft, weil die Ökonomie global, die Politik aber meist nur im nationalen Rahmen agiere: "Es ist klar, wer am längeren Hebel sitzt".

Geißlers Alternativrezepte klingen visionär. Er warb für eine "weltweite öko-soziale Marktwirtschaft", eine "Weltinnenpolitik", eine Weltkerosinsteuer, eine Steuer auf weltweite Devisentransaktionen (Tobin Tax), Reformen bei globalen Institutionen wie Weltbank, Internationalen Währungsfonds (IWF) und Welthandelsorganisation (WTO) sowie einen Welt-Marshallplan. Ein bis zwei Prozent des Weltsozialproduktes müssten für den Plan aufgewendet werden, um Standards etwa bei Ausbildung, Umwelt und Wasserversorgung weltweit anzugleichen, rechnete Geißler vor.

Die friedlichen Proteste gegen den G8-Gipfel unterstützt Geißler, der einst selbst zu den Mächtigsten im Land gehörte. Von 1977 bis 1989 war er unter CDU-Chef Helmut Kohl Generalsekretär der Partei. Von 1982 bis 1995 war er Gesundheitsminister. Doch später überwarf sich Geißler mit Kohl; 1989 gehörte er mit Rita Süssmuth und Lothar Späth zu jenen, die gegen Kohl auf dem Bremer Parteitag erfolglos rebellierten. Später sprach Geißler als einer der ersten über Kohls "geheime Konten".

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