G-8-Krawalle in Rostock: Polizei fordert Gummigeschosse
Nach den schweren Anti-G8-Krawallen in Rostock wird heftig über die Polizeistrategie diskutiert. Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte, Einsatzkräfte mit Distanzwaffen auszustatten. Ein Sprecher von Attac entschuldigte sich unterdessen.
Duisburg - Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hat einen besseren Schutz der Einsatzkräfte gefordert. Die Industrie habe wirksame Gummigeschosse entwickelt, die in vielen Ländern erfolgreich eingesetzt würden. "Nur in Deutschland werden Polizistinnen und Polizisten immer wieder Hundertschaftsweise zur Steinigung freigegeben", sagte der Landeschef der DPolG in Nordrhein-Westfalen, Rainer Wendt, in Duisburg.
"Wir fordern seit Jahren, alle Hundertschaften der Polizei mit wirksamen Distanzwaffen auszustatten, damit die Angriffe mit Steinen und anderen Gegenständen abgewehrt werden können." Noch immer habe der einzelne Polizist nichts, um auf Chaoten einzuwirken, die 30 oder 50 Meter von ihm entfernt mit Steinen werfen.
Schäuble: "Schlimme Verbrecher"
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wies unterdessen Kritik an der Polizeistrategie zurück. Er betonte, die Prognosen der Polizei zu möglichen Gewaltausschreitungen seien "leider sehr zutreffend" gewesen. Es gebe keinen Zweifel, dass der Schutz der friedlichen Versammlungen und des Weltwirtschaftsgipfels "höchste Priorität" haben müsse. Es gebe zu viele Gewalttäter. Diese seien "schlimme Verbrecher" gegen die mit "aller Härte" vorgegangen werden müsse.
Bundeskanzlerin Merkel nannte die Bilder von den Auseinandersetzungen "schrecklich und entsetzlich". Sie sei aber froh, "dass die Veranstalter der friedlichen Demonstration sich klar distanziert haben". Gleichzeitig äußerte die Kanzlerin Verständnis für die Ziele der friedlichen Demonstranten. Die Globalisierungskritiker lieferten wichtige Anregungen, schauten genau, welche Versprechen der G8-Staaten eingehalten würden und thematisierten kritische Aspekte der Globalisierung.
An Deeskalation festhalten
Politiker aller Parteien forderten die Polizei derweil auf, an ihrer Strategie der Deeskalation festzuhalten. "Es darf jetzt kein weiteres Benzin ins Feuer gegossen werden", sagte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Polizei und Veranstalter müssten sich aber fragen lassen, warum ein solcher Ausbruch an Gewalt im Vorfeld nicht verhindert werden konnte. Linkspartei-Fraktionschef Gregor Gysi machte allerdings auch Polizei und Bundesregierung mitverantwortlich für die Vorkommnisse. "Es gab von Anfang an so ein Eskalationsbestreben", sagte er.
Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast rief zur Mäßigung auf: "Der Staat sollte sich im weiteren Gipfelverlauf nicht zu Überreaktionen provozieren lassen." Aufgabe der Polizei sei es nun, die Ausschreitungen einer Minderheit zu unterbinden und gleichzeitig das Demonstrationsrecht einer friedlichen Mehrheit zu sichern.
Attac entschuldigt sich
Attac-Organisator Werner Rätz hat sich für die Ausschreitungen am Rande der Demonstration entschuldigt. "Was geschehen ist, hätte so nicht passieren dürfen. Es tut uns mehr als leid", sagte Rätz, der für die Organisation der Kundgebung in Rostock mitverantwortlich war. Er räumte ein, dass die in Attac zusammengefassten Globalisierungskritiker kaum wüssten, wie sie mit den militanten G8-Gegnern zurecht kommen sollen.
Bei den Krawallen am Samstag hatte es knapp 1000 Verletzte, darunter 433 Polizisten und 520 Demonstranten gegeben. Rund 130 G8-Gegner wurden festgenommen. Gegen neun von ihnen erließ das Amtsgericht Rostock am Sonntagabend Haftbefehl. (tso/dpa)
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Quelle dpa
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