Henryk M. Broder: Eine Stange zwischen die Rippen

Publizist Henryk M. Broder ist mit dem Ludwig-Börne-Preis 2007 ausgezeichnet worden.

Der Berliner Journalist und Autor Henryk M. Broder nahm am gestrigen Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den seit 1993 ausgelobten und mit 20 000 Euro dotierten Ludwig-Börne-Preis entgegen. Und wer sich schon immer gefragt hat, wofür das M. im Namen von Broder stehen mochte, bekam auch dafür eine Erklärung: M. wie „modest“. Was so viel heißt wie bescheiden. Oder auch anständig, sittsam. Es wäre ein für seinen Träger denkbar unpassender Name – den Broder sich, so will es Focus-Chefredakteur und Laudator Helmut Markwort recherchiert haben, selbst gegeben haben soll, in einem Akt ironischer Selbststilisierung.

Die Frankfurter Paulskirche war in ihren Preisverleihungs-Veranstaltungen stets für einen Aufruhr, gar einen Skandal gut. Und nun, da Henryk M. Broder, der nun wirklich vor keiner Konfrontation zurückscheut, den Börne-Preis erhielt – nichts davon. Nicht viel jedenfalls. Eine Handvoll Demonstranten rund um den Römerberg, die Flugblätter verteilten, die Broder als „rassistischen und anti-arabischen Hetzer“ titulierten. Und ein sichtlich erregter Zuhörer im Innenraum, der mehrfach die Laudatio Helmut Markworts unterbrach, bis schließlich Oberbürgermeisterin Petra Roth persönlich ihn zur Ruhe mahnte; eine Ermahnung, an die er sich erstaunlicherweise auch bis zum Ende hielt.

Vor der Preisverleihung hatte ein sichtlich und hörbar gebrechlich gewordener Marcel Reich-Ranicki aus Briefen und Schriften des 1786 in Frankfurt geborenen und 1837 im Pariser Exil gestorbenen Börne vorgelesen, der trotz aller Widrigkeiten feststellte: „Ich will ein Deutscher bleiben, mit all seinen Mängeln und Auswüchsen.“

Anschließend pries Helmut Markwort, der gemäß der Satzung des Preises nicht nur als Laudator, sondern auch als einziger Preisrichter fungierte, Henryk M. Broder als einen Publizisten, „der schreibt, wie Börne es verlangt.“ Der Deutsche, so habe Börne in einem Brief aus Paris geschrieben, liebe den sanften Tadel und die stillen Vorwürfe; er, Börne, jedoch wolle ihnen „eine Stange zwischen die Rippen stoßen“. Markwort nutzte die Gelegenheit, um vor dem Islamismus als dem gefährlichsten Extremismus des 21. Jahrhunderts zu warnen, vor den demagogischen Fanatikern und deren Mitläufern, von denen jedes diktatorische System getragen werde.

Ein sichtlich gut gelaunter Preisträger verzichtete in seiner Dankesrede zunächst demonstrativ auf jede Bescheidenheit und bescheinigte Markwort, eine gute Wahl getroffen zu haben. Anschließend machte Broder sein vorheriges Nachdenken über den Inhalt seiner Rede öffentlich – er habe überlegt, ob er über einen seiner Lieblingspläne reden solle, eine Maßnahme zur Bekämpfung der Entvölkerung Ostdeutschlands, in deren Rahmen fünf Millionen Asiaten ins Land gelassen und mit jeweils 1000 Euro Startkapital ausgestattet würden.

Dann aber kam Broder doch noch zur Sache: Die Toleranz, beispielsweise gegenüber „zukünftigen Völkermördern“ wie dem iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad, sei „eine Untugend, die den Verstand ausgeschaltet habe“. Toleranz, so Broder weiter, sei „die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang“. Das Wort „Toleranzkeule“, mit der der Rücksichtslose um sich schlage, um sich seinen Raum zu erkämpfen, dürfte eine bewusste Anspielung auf die Walser’sche „Moralkeule“ gewesen sein, die in der Paulskirchen-Friedenspreisrede von 1998 der Auslöser eines monatelangen erbitterten Streits gewesen war. Auch eine Attacke gegen den politisch korrekten Nobelpreisträger Günter Grass durfte nicht fehlen.

„Ist nur ein toter Polemiker ein guter Polemiker?“, hatte Helmut Markwort gefragt. Und Broder hatte in seiner Rede immer wieder die rhetorische Frage gestellt, ob er es sei, der verrückt geworden sei oder all die anderen da draußen. Den Vormittag jedenfalls beschloss er mit einem Text des im Jahr 2005 verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch. Dort heißt es: „Ich sing für die Verrückten/Die seitlich Umgeknickten/Die eines Tags nach vorne fallen/Und unbemerkt von allen/An ihrem Tisch in Küchen sitzen/Und keiner Weltanschauung nützen.“

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