Was ist Voldemorts größter Fehler? Nicht, dass er die Liebe unterschätzt hat, mit der Harrys Mutter Lily sich für ihren kleinen Sohn opferte und ihn so mit einem mächtigen Gegenzauber schützte. Auch nicht, dass er die Loyalität unterschätzt hat, mit der Harrys Freunde Ron und Hermine ihm durch alle Kämpfe hindurch beistehen. Und erst recht nicht, dass er Harry selbst unterschätzt hat, den unscheinbaren Jungen, der sieben Bücher lang Prüfungen, Leiden, Schmerzen, Verluste erduldet, Misstrauen und Verdächtigungen übersteht im Kampf gegen die Macht der Finsternis. Nein, Lord Voldemorts größter Fehler ist: Er hat ein Kinderbuch unterschätzt.Seit gestern ist der sehnsüchtig erwartete letzte und abschließende Band von J. K. Rowlings Zauberepos auf dem Markt. Auch das: der Triumph eines Kinderbuchs, welches am Anfang alle unterschätzt hatten. Keiner hatte den Erfolg vorausgesehen, als die bis dato unbekannte Autorin und alleinerziehende Mutter vor zehn Jahren, 1997, im schottischen Edinburgh mit ihrem ersten Band "Harry Potter und der Stein des Weisen" hervortrat. Seitdem werden ihre Bücher rund um die Welt gefeiert wie kaum ein Film oder eine Band. Nicht die hastig nachgelegten Verfilmungen, die der Handlung zumeist nur bruchstückhaft nachhecheln, machten Harry Potter zum Erfolg. Auch nicht das Spektakel um die vorzeitige Veröffentlichung des letzten Bandes im Internet und die Geheimniskrämerei um das Ende sind es, die zählen. Für alle, die den Abschlussband sehnsüchtig erwartet haben, gilt: Zum Lesen gibt es keine Alternative.Das weiß Hermine, die Leseratte, Harrys beste Freundin, die schon immer daran geglaubt hat, dass all ihre Fragen in Büchern beantwortet werden. Voldemort, dem niemand während seiner Kindheit im Waisenhaus Märchenbücher vorgelesen hat, weiß es nicht. Und so kennt er auch das Märchen von den drei tödlichen Gegenständen, den "Deathly Hallows" nicht, die im siebten und letzten Band eine entscheidende Rolle spielen. Und die drei verschiedene Ansätze bedeuten, den Tod zu besiegen.Um den Tod und seine Überwindung geht es in allen Märchen und Fantasy-Geschichten, von Schneewittchen bis zum "Herrn der Ringe" - und als Kernthema auch bei Harry Potter. Weshalb die viel diskutierte Frage, ob der Titelheld am Ende des siebten Bandes stirbt, nicht wesentlich ist. Denn nicht, ob er stirbt, sondern wie der Tod zu überwinden sei, ist die Grundfrage von Rowlings Epos, das mit einem Doppelmord begann, dem seither viele folgten. Sicher, gerade im letzten Band fallen Harrys Gefährten nun fast im Minutentakt, es sterben viele liebe Bekannte, und fast jeder grausame Tod kommt als Überraschung, als Schock. Und doch ist es gerade das, was Harry lernen muss: Den Tod besiegen heißt, ihn nicht zu fürchten. "Der letzte Feind, der zerstört werden muss, ist der Tod", liest er auf dem Grab seiner Eltern. Nichts ist endgültig, auch der Tod nicht - eine Botschaft, mit der die das Buch so heftig bekämpfende christliche Kirche gut leben können müsste.Doch bevor alles gut wird, wird alles schlecht, unglaublich schlecht. Auch das ein Kennzeichen dieses siebenteiligen Fantasiewelt-Entwurfs und ein Geheimnis seiner Faszination: dass, verkleidet im bunten Märchen- und Zaubergewand, hier Grundfragen der Menschheit verhandelt werden. Sage niemand, Märchen seien nicht grausam und Kindern dürfe so viel Grausamkeit nicht zugemutet werden - das ganze Potter-Epos handelt davon, wie Kindern etwas zugemutet wird, für das sie scheinbar zu jung sind. In der Wirklichkeit ist es nicht anders. Die Lage: Längst ist das Ministerium für Magie übernommen von finsteren Tod-Essern, einer Art SS-Formation, die Lord Voldemort bedingungslos hörig ist. Das neue Regime jagt alle Zauberer, die nicht reinen Blutes sind, zwingt sie, sich registrieren zu lassen, verfolgt und verdächtigt sie. Die Medien werden gleichgeschaltet, die Muggel, Nicht-Zauberer, als minderwertige Wesen verunglimpft, wer kann, flieht das Land, geht ins Exil, und die anderen fürchten um ihr Leben. Eine Szene nur, im Keller des Ministeriums: Verstörte, ungläubige "HalbBlüter" warten auf ihre Anhörung, aus ihren Häusern heraus verhaftet von grässlichen Dementoren. Wer vor kurzem noch ein angesehener Bürger war, steht plötzlich vor Gericht, muss Abstammung und Familie verteidigen und hat keine Chance. Und nur wenige mutige Widerständige wagen es, den Verfolgten beizustehen, sie zu verstecken oder zu verteidigen.Grässlich bekannt, diese Szenarien, nicht nur aus den Gräueln des 20. Jahrhunderts, aus Hitlers Judenverfolgung und Stalins "Volksfeinde"-Jagd. Wie eine Gesellschaft durch ein totalitäres Regime vergiftet wird, führt J. K. Rowling in grausamer Konsequenz vor. Und ebenso die Ohnmacht des Einzelnen. Lange, lange Passagen in diesem letzten Band, in dem alles auf den großen Showdown zustrebt, tritt das Buch bewusst auf der Stelle. Harry, Ron und Hermine sind auf der Flucht, ohne auch nur die leiseste Idee, wie sie die ihnen gestellte Aufgabe lösen sollen, die restlichen "Horcruxe" zu finden, in denen sich Teile von Voldemorts Seele verbergen. Sie führen monatelang ein Leben als Outlaws, jeden Tag an einem anderen Ort, abgeschnitten von Freunden und Informationen. In dieser Isolation brechen im Freundschafts-Trio noch einmal alle Konflikte auf: Rons Eifersucht und Minderwertigkeitskomplexe, Hermines Besserwisserei, Harrys Verschlossenheit, sein Glaube, nur allein die große Aufgabe bewältigen zu können, und sein Misstrauen selbst gegenüber den Freunden.Und noch einmal - Rowlings alter Trick - verkehren sich alle Gewissheiten: Dumbledore, der bewunderte Schuldirektor, der sein Leben für Harry geopfert hat, gerät durch posthume Veröffentlichungen ins Zwielicht, in den Verdacht, verführbar und gegenüber der Idee von Macht nur zu empfänglich gewesen zu sein. Auch Harrys Vater James, auch sein Patenonkel Sirius, ja auch der sympathische Lupin hatten schon dunkle Seiten enthüllt, und im Gegenzug werden Snape, Draco Malfroy, ja selbst der Inbegriff des Bösen, Lord Voldemort, plötzlich in milderem Licht gezeigt: verunsichert, ratlos, verletzlich, schwach. Harrys große Angst, durch seine Verbindung zu Voldemort einen Teil des Bösen in sich zu spüren, entpuppt sich als allgemeine Conditio humana, gerade die Schwäche ist die Stärke. Auch die strahlende Zauberwelt, die so sicher auf der richtigen Seite kämpft, hat ihre blinden Flecken. Und Zauberer sind auch nur Menschen.Die Anleihen sind unübersehbar und unvermeidlich: Der Kampf zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, das Grundmotiv bei J. K. Rowling, beschäftigt alle Populärmythen, vom "Herrn der Ringe" bis zu "Star Wars". Kein Wunder, dass man Motive und Figuren wiederzuerkennen glaubt, aus vielen dieser Vorlagen. Doch J. K . Rowling ist Realistin genug, ihre fantastische Zauberwelt mit unübersehbaren Parallelen zur Wirklichkeit anzureichern. Das begann mit dem humorvollen Spiegelbild des britischen Internatsalltags in den ersten Bänden und endet mit finsteren Faschismus-Szenarien. So ist es am Ende auch eher George Orwell als J. R. R. Tolkien, der Pate steht.Und der Schluss? Die inzwischen millionenschwere Autorin hat sich im Epilog wohlweislich ein Hintertürchen offen gelassen, das Fortsetzungen möglich macht. Und gleichzeitig mit einem simplen, etwas kitschigen Kunstgriff den Kreis geschlossen, der wieder zum Anfang zurückführt. Noch einmal der Bahnhof King's Cross in London, noch einmal das Gleis neundreiviertel, der wartende Hogwarts Express und ein paar kleine Jungs, die zum ersten Mal auf die Zauberschule kommen. Freundschaften deuten sich an und Feindschaften, und ein kleines rothaariges Mädchen weint, weil es noch nicht mit auf die Schule darf. So fing alles an, im ersten Band, mit Harry, Ron und Hermine, und so endet es im Epilog des siebten Bandes. Der letzte Satz lautet: "Alles war gut." Ein Märchenschluss, und ein Versprechen dazu: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie bis in alle Ewigkeit.Harry Potter and the Deathly Hallows , Bloomsbury London, 608 Seiten, ab 14,90 €. Die deutsche Übersetzung (Carlsen-Verlag, 24,90 €) erscheint am 27. Oktober.

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