Der Mannschaftsbus von T-Mobile steht schon seit beinahe einer Dreiviertel- stunde auf dem Parkplatz am Place Cadot in Marseille, doch bislang traut sich noch kein Fahrer in die pralle Mittelmeersonne. Endlich entsteigen die verbliebenen sechs Tour-Fahrer im Magenta-Trikot zaghaft dem Fahrzeug und stellen sich den geduldig in der Hitze wartenden Reportern. Die jungen Radprofis versuchen, sich kämpferisch zu geben: „Wir rücken als Mannschaft zusammen und greifen an“, sagt Marcus Burghardt, der schon am gestrigen Tag dem Schock der Nachricht um Patrik Sinkewitz getrotzt hatte und ein offensives Rennen gefahren war. Ganz, gibt Burghardt allerdings zu, würde man die Sache jedoch auch auf dem Rad nicht aus dem Kopf bekommen.Das ist auch nicht verwunderlich. „Die Jungs wissen, dass es um ihre Existenzen geht“, sagt Teammanager Bob Stapleton. Bis spät in die Nacht, erzählt der Amerikaner, habe man nicht zuletzt deshalb im Hotel zusammengesessen, und er habe während dieser therapeutischen Runde den Fahrern nichts verheimlicht. Auch nicht, dass im Aufsichtsrat und unter den Arbeitnehmervertretern in Bonn der Druck auf die Konzernspitze wächst, nach der positiven Dopingprobe von Patrik Sinkewitz das Sponsoring der Mannschaft einzustellen. Das sei nicht einfach gewesen, berichtet Stapleton, aber er habe auch in dieser schwierigen Situation keine Veranlassung gesehen, den neuen Führungsstil der Offenheit und Transparenz zu ändern.Die Nachrichtenlage, so Stapleton, habe in der Mannschaft „eine ganze Bandbreite von Gefühlen ausgelöst, von Wut bis zu bitterer Enttäuschung“. Letztlich sei es jedoch heilsam gewesen, die Dinge auszusprechen, auch für ihn selbst. Der runde Tisch habe ihm geholfen, die negativen Gefühle – den Zorn auf Sinkewitz, die Frustration über den Rückschlag, die Zukunftsangst – zu überwinden und nach vorne zu schauen. „Ich halte mich nicht gerne lange mit negativen Gefühlen auf“, sagt Stapleton. „Ich versuche lieber, sie in etwas Positives umzumünzen.“ Und so gab sich Stapleton am Donnerstag trotz des Falles Sinkewitz entschlossener denn je, weiter den eingeschlagenen Weg mit seiner Mannschaft zu gehen, weiter ein Modellteam für einen sauberen Radsport zu formen. Und weil der Amerikaner so zum Optimismus entschlossen ist, glaubt er auch ganz fest daran, dass der Sponsor genauso denkt wie er.Auch Linus Gerdemann hat sich von Stapletons Willen zum positiven Denken anstecken lassen. Auch der Sieger der ersten Alpenetappe wollte den Fall Sinkewitz als Zeichen dafür sehen, dass T-Mobile auf dem richtigen Weg ist, dass die Kontrollen greifen und dass der Druck auf Betrüger steigt. Auf seinen Mannschaftskameraden Sinkewitz, so Gerdemann, sei er zwar nicht sauer. Aber wenn sich der Verdacht des Testosteron-Dopings bestätige, so Gerdemann, habe er auch „kein Mitleid“ mehr.So rollte die Resttruppe des Reform- und Vorzeigeteams mit einem ebenso aufwendig zusammengeschusterten wie wackeligen Optimismus in den elften Tour-Tag. Die Ungewissheit nach dem schwarzen Montag ließ sich trotz aller Aussprachen nicht restlos aus den Gliedern verscheuchen. „Ich habe Angst um meinen Job“, gab Marcus Burghardt gleich nach seiner etwas bemühten Kampfansage kleinlaut zu. Und diese Angst ist ausgesprochen handfest und begründet. Sebastian Moll

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