ResilienzHomo sapiens, das Stehaufmännchen

Es ist erstaunlich, was die Gattung Mensch, was Gesellschaften oder auch Individuen aushalten können, ohne daran zugrunde zu gehen. Wissenschaftler suchen nach Strategien, die die Widerstandskraft menschlicher Gesellschaften weiter erhöhen von 

Der Mensch ist, bisher und alles in allem betrachtet, ein Erfolgsmodell. Dieses schwächliche Tier hat sich gegen die anderen Lebewesen behauptet, Mikroben eingeschlossen, hat Naturkatastrophen und von ihm selbst erzeugte Desaster überstanden. Zäh ist der Mensch, zäh und widerstandsfähig. Was für die Gattung als Ganze gilt, trifft im Prinzip auch auf ihre Teilmengen zu; es ist erstaunlich, was Gesellschaften oder auch Individuen aushalten können, ohne daran zugrunde zu gehen.

"Resilienz" nennt die Desasterforschung diese Fähigkeit, man darf auch Widerstandskraft oder Wiederaufbaufähigkeit dazu sagen. Ein System ist resilient, so definieren Brad Allenby und Jonathan Fink von der Arizona State University ( "Science" vom 12.8.2005 ), wenn es seine Funktionen angesichts äußeren oder inneren Wandels aufrechterhält. Oder wenn es sie im Notfall auf erträgliche und allmähliche Weise einschränkt. Die beiden Ingenieurwissenschaftler fordern, dass Strategien zur Erhöhung der Resilienz menschlicher Gesellschaften entwickelt werden.

Gegen diese Forderung ließe sich einwenden, dass der menschlichen Spezies das Weiterleben bisher auch ohne derartige Strategien gelungen ist. Doch aus zwei Gründen ist den beiden Forschern beizupflichten. Erstens ließen sich vielleicht die materiellen und seelischen Kosten von Unglücken aller Art  durch Resilienzstrategien mindern, infolgedessen wäre es ethisch zwingend, über sie nachzudenken. Und zweitens existieren neuartige oder neu erkannte Risiken, die den Menschen auf bisher nicht da gewesene Weise auf die Probe stellen. Diese Risiken ergeben sich zum einen daraus, dass die wachsende Weltbevölkerung zur Ballung neigt. Damit ist die räumliche Ballung gemeint (im Jahr 2030 werden mehr als 60 Prozent der Menschen in Städten leben), aber auch die Tendenz zur enger vernetzten ökonomischen Abhängigkeit untereinander sowie - und vor allem - die Extremvernetzung der Menschen mit Hilfe der Informationstechnik. Zwar zeigen gerade Städte, Unternehmen und das Internet eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit, aber sie haben auch ihre wunden Punkte. Hinzugekommen ist vor allem ein ganzes Spektrum von Gefahren, die auf die wunden Punkte wirken können: terroristischer Islamismus, das Aufkommen neuer Atommächte, neuartige Krankheitserreger, bösartige Computerprogramme, Klimagefahren. Diese Gefahren unterscheiden sich stark durch ihre räumliche und zeitliche Struktur voneinander, werfen aber allesamt die Frage auf, wie robust die Zivilisation ist und ob ihre Widerstandskraft sich stärken ließe.

Gelegentlich wird auf das Vorbild der Natur verwiesen: Ökosysteme seien um so widerstandsfähiger, je vielfältiger sie sind, und daraus könne die Gesellschaft lernen. Doch wenn dies so einfach wäre, brauchte sich niemand um Regenwälder oder Mangrovensümpfe zu sorgen, deren Biodiversität unerreicht ist. Auch sehr vielfältige Systeme können fragil sein oder zumindest bestimmte empfindliche Punkte aufweisen, an denen sie sich aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Und so wenig gegen kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft einzuwenden ist: Sie allein garantiert nicht die Stabilität, wie das Beispiel Hollands gegenwärtig zeigt.

Allenby und Fink gehen in ihrem Science-Papier einen anderen Weg. Sie argumentieren mit der Informatisierung der Gesellschaft. Das Internet sei bereits objektiv eine Methode, Wissen und damit auch überlebenswichtiges Know-how weiträumig zu verteilen. Zwar seien die wenigen zentralen Knotenpunkte des Netzes kritisch, also höchst empfindliche Stellen für das Funktionieren des Ganzen, doch wenn sich diese schützen ließen, sorge die Wissensverteilung im Netz dafür, dass sich im Falle großer Krisen sehr schnell neue Strukturen bilden können. Für diese Art Widerstandsfähigkeit gibt es ein Pendant im Militärischen: Besteht eine Einheit aus fähigen und gut informierten Soldaten, dann kann der Befehl "Verteilen!" im Falle eines übermächtigen gegnerischen Angriffs die Rettung sein.

Die beiden Autoren plädieren für einen strategischen Ansatz, den sie "dual use" nennen. Das ist ein aus der Rüstungswirtschaft stammender Begriff, der die Eigenschaft militärischer Güter beschreibt, auch zivilen Zwecken dienen zu können. Allenby und Fink fordern eine dual-use-Strategie für Resilienz: Investitionen in die Sicherheit sollten zugleich wirtschaftlichen, sozialen oder ökologischen Nutzen bringen. Ihr Lieblingsbeispiel ist die Telearbeit, die insbesondere auch vielen Älteren einen Zugang zum Arbeitsleben eröffnet. Telearbeit, so schreiben sie, erlaube es Unternehmen im Krisenfall (etwa: Bomben in der Innenstadt) weitgehend störungsfrei weiterzuarbeiten, erhöhe also deren Sicherheit - und bringe zugleich ökonomische sowie ökologische Vorteile mit sich.

Doch an diesem Punkt setzen Zweifel ein. Denn Telearbeit eignet sich zwar für viele Tätigkeiten, aber beileibe nicht alle. Besonders in solchen Berufen, in denen jenseits von Zahlen oder Fachbegriffen viel kommuniziert wird, genügen E-Mails und auch Videokonferenzen nicht, so sinnvoll beide Techniken sein mögen. Dass Menschen dazu neigen, sich zu physischen Gruppen zusammenzufinden, hat damit zu tun, dass dies ihre Kommunikation und damit die Produktivität steigert. Dies ist auch die tiefere Ursache der Urbanisierung.

Nach dem Massenmord vom 11. September 2001 propagierten viele (darunter auch ich) den Gedanken, es müsse in gewisser Weise eine "Entballung" stattfinden. Neu war diese Idee nicht; sie kam mit den ersten Atombombenversuchen vor 60 Jahren auf. Doch diese Diskussion verkennt, dass Menschen nach Verbesserung streben, nach wachsender Produktivität, und die suchen und finden sie vorzugsweise in Städten, Unternehmen und anderen Zusammenballungen. Diese Suche und diese Erfahrung ergeben eine Lebensweise, die selbst bemerkenswert stabil sein kann; es waren ja gerade New York und London, die sich vom Terror nicht beugen ließen.

Über Resilienz muss daher auf andere Weise nachgedacht werden. Die Verteilung des Wissens über das Internet könnte ein Anfangspunkt sein: Das Netz erlaubt die Beteiligung vieler. Es erlaubt die Selbstorganisation. Eine Gesellschaft, die es nutzt, um ihre Belange selbsttätig zu regulieren, also eine netzbasierte Zivilgesellschaft, die nicht alle Probleme an die zentrale Machtmaschine namens Staat delegiert - sie wäre vielleicht besonders geeignet, mit Risiken, Gefahren und Schicksalsschlägen fertig zu werden.

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Leserkommentare
  1. Ich teile die Auffassung, eine netzbasierte Zivilgesellschaft, die nicht alle Probleme an die zentrale Machtmaschine namens Staat delegiert, wäre womöglich besonders geeignet, mit Risiken, Gefahren und Schicksalsschlägen fertig zu werden. Wenn – ja wenn das Netz selbst nicht ebenfalls angreifbar wäre. So weit ich weiß, hat auch das World Wide Web seine Schwachstellen. Ich denke da weniger an die Aktivitäten von Hackern oder an Computervieren. Ich denke eher an den inneren Aufbau, die eigentliche „Logik“ des WWW. Es sind stets diejenigen (Teil-)Bereiche eines Systems besonders beliebte und erfolgversprechende Angriffspunkte, deren Toleranz oder deren Widerstandskraft besonders gering sind. Die Biodiversität des Regenwaldes kann noch so groß sein, werden seine Bäume abgeschlagen – ein Prozess von nur wenigen Minuten pro Exemplar –, haben die übrigen Organismen keine Chance. Verändert man die Temperatur oder die Qualität des Wassers in der Umgebung eines Korallenriffs auch nur minimal, stirbt es komplett ab. Wer das Überleben von Gesellschaften also von einer einzigen technischen Neuerung (und sei sie noch so erfreulich) abhängig machen will, sollte schon sehr, sehr sicher sein, dass diese Neuerung nicht ihrerseits Bereiche aufweist, die man als „Engstellen“ bezeichnen könnte und die anfällig sind für Manipulationen aller Art.

    Ich fürchte, der Mensch wird noch auf absehbare Zeit derjenige bleiben, der seinen wirklichen Bedrohungen am effektivsten begegnen kann und muss. Schließlich: unsere größte Bedrohung sind wir selber und keiner kennt uns, unserer Schlichen, Bosheiten und Tricks, besser, als wir selbst.

  2. ist das der Mensch vieles einfach hinnimmt.
    Jeder der mal in Südamerika gewesen ist wird sich wundern warum Menschen in dem selber verursachten Saustall leben. ich war damals schockiert, hatte ich doch eine, zugegeben navive Vorstellung, dass es eine natürliche Grenze der Erträglichen gibt, die automatisch dazu führt, dass sich der Mensch darum bemüht die Situation zu verbessern.
    Aber anscheinend kommt das Bedürfnis nach einer sauberen Umwelt (ich meine hier nicht unsere Vorstellung sondern z.B. einfach Strassen die nicht mit achtlos weggeworfenen Müll und herumfliegenden Plastiktüten zugepflastert sind) doch nur in Verbindung Erziehung/Bildung und einen großen Maß an Wohlstand einher.

    Aus evolutorischer Sicht und zur Erhaltung der Art ist diese Eigenschaft sicher ideal. Unterzivilisatorischen Aspekten halte ich das Gegenteil für wichtig, denn was ihn nicht stört ändert der Mensch nicht, auch wenn er daran mittelfristig zugrundegeht. Höhere Leidensfähigkeit ist daher nur für die Interessant, denen Dinge wie Umweltschutz, Abschaffung von Konflikten oder soziale Misstände ein Dorn im Auge ist.

  3. Die ursprüngliche Ursache der Urbanisierung liegt in der Not. Städte waren ja ursprünglich grosse Burgen, in die man sich in Zeiten der Not und Bedrohung zurückzog. Dabei fand man das heraus, was Gero von Randow so gut beschreibt: das durch die grosse Dichte die Kommunikation schneller läuft, und die Produktivität grösser wird.

    Ob diese Produktivität allerdings neben quantitativer Zunahme auch die Qualität des Lebens verbessert, ist natürlich nicht so eindeutig. Ich würde sogar behaupten: trotz des Quantitätssprunges kommt es bisweilen auch zu qualitativen Sprungen: erst die Industrialisierung hat die soziale Revolution entfacht.

    Auch interessant ist der Umstand, dass ein Ballungsraum ohne nicht geballtes Umland nicht gut dasteht: vergleicht man etwa Berlin mit München, kann man sehen, wie ungeheuer wichtig es für die Integrität einer Stadt ist, ein gesundes und aktives Umland zu haben.

    Es ist auch interessant, dass in Ländern, die eine sehr lange friedvolle Geschichte haben, das Stadt/Landgefälle sowohl kulurell als auch quantitativ viel weniger ausgeprägt ist, und Landflucht eine wesentlich geringere Rolle spielt, siehe zB die Schweiz oder Skandinavien.

    In diesem Licht ist die Verdichtung durch Urbanisierung ein Pol, der aber erst im Zusammenspiel mit dem Gegenpol Entspannung im ländlichen Freiraum seine Wirkung sinn- und dauerhaft entfalten kann.

    • tralla
    • 25. August 2005 1:27 Uhr

    könnte über folgendes Projekt gehen: www.hallo-leute.de
    siehe http://www.hallo-leute.de..., II.3.a):
    "Die Vernetzung der Bürgerschaft bedeutet Maximierung der Möglichkeiten zu Selbstorganisation und Selbstregulation".

    und II.3.g): "Systemstabilisierung
    Es besteht die Gefahr, daß im Falle schwerer Krisen, z.B. eines globalen Finanzsystemscrashs, mit den Zweifeln an dem Wirtschaftssystem auch wertvolle Errungenschaften wie Freiheitsidee, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Regierungsform diskreditiert werden. Gesellschaftliche Strukturen, welche durch Vernetzung der Bürger in Hallo-Leute-Bürgernetzen geprägt sind, können jedoch als sehr stabil gegenüber krisenhaften Erschütterungen angesehen werden."

    Diese Vernetzung effektiv und schnell zu bewirken ist der Sinn dieses Projekts.
    Wer unterstützt es?

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