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Die Games Convention in Leipzig, ein Verriss von Stefan Schmitt

Selbstbewusster Lärm aus Sachsen. Dieses Wochenende feiert sich in Leipzig die erst wenige Jahre junge Messe „Games Convention“ als „wichtigen Impulsgeber“ für die „europäische Gaming-Industrie“, und die Hersteller zeigen, wie sich – Ihrer Ansicht nach – die junge Populärkunst Digitalspiel weiterentwickeln soll.

Etwas Schlimmeres kann man sich für die Branche kaum vorstellen.

Doch zuerst einmal kurz die Augen zukneifen, so blendend erscheinen die Zahlen: Weltweite Umsatzverdopplung während der vergangenen paar Jahre, und eine prognostizierte weitere Verdopplung auf 40 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2010. In Deutschland stieg trotz (oder wegen) Hartz IV und Depression der Umsatz mit Digitalspielen und den dafür nötigen Maschinchen um 15,5 Prozent im ersten Halbjahr 2005, setzten die Produzenten von Konsolen und Spielen 465 Millionen Euro um, nahm der Softwareverkauf von Januar bis Juni um 13,5 Prozent im Vergleich zum dem Vorjahr zu. Rekordmeldungen aus Leipzig runden das Bild ab: Auf 80.000 Quadratmetern (46 Prozent mehr Fläche als 2004) zeigen 270 Aussteller (im Vorjahr waren es nur 234) immerhin 200 Weltpremieren – und das im digitalspielmäßig provinziellen Deutschland. Gute Nachrichten, sollte man meinen.

In zuviel Neonlicht, bei zu penetranten Bässen, zwischen zuviel optisch offensiven Hostessen aber lässt sich in Leipzig die Tristesse besichtigen, welcher die Branche mit voller Kraft und aus blinder Lust an Leistungsparametern entgegen rennt – ein hohles Gefühl zwischen all der hergezeigten Hochglanz-Hardware.

Hersteller Sony steigt mit der cool-schwarzen Playstation Portable (PSP) ins Geschäft für tragbare Konsolen ein. Technisch ist das Gerät mit Breitbildschirm, eigenem Klein-DVD-Format und edler Verpackung eine völlig andere Liga als der bisherige Platzhirsch und größte Konkurrent Game Boy (Nintendo). Bei den stationären Geräten prescht Microsoft mit der neuen Xbox vor, die den Zusatz „360“ trägt: Zurückhaltender, schlanker als ihr Vorgänger und doch ein Leistungsmonster sondergleichen. Die Xbox 360 legt die Latte hoch für die Konkurrenten, die nächstes Jahr mit neuen Konsolenmodellen nachziehen werden. So funktioniert dieses Geschäft: Mehr oder weniger synchronisierte, wenige Jahre dauernde Schweinezyklen von einer Gerätegeneration zur nächsten: Am Anfang, wenn die Spielestudios hurtig Softwarefutter für die neuen Geräte liefern müssen, ist wenig Zeit, sich an die neue Plattform zu gewöhnen, wird im wilden Rausch vermehrter Rechenleistung einfach drauflosprogrammiert. Erst über die Jahre lernen die Entwickler, alles aus einer Maschine herauszuholen, werden die Spiele ausgefeilter, raffinierter – und, ja, auch technisch besser.

Doch kranken schon heute Konsolenspiele im erheblichen Maße am stumpfsinnigen Streben nach immer mehr „Realismus“ in der grafischen Darstellung und der physikalischen Berechnung des Spielgeschehens. Gleichzeitig kosten bereits Spielproduktionen für Xbox, Playstation 2 oder Game Cube (also die drei noch aktuellen Plattformen) zweistellige Millionenbeträge. Die Risikobereitschaft und die Experimentierfreude der Spielverlage hemmt das ganz maßgeblich. Folglich erinnern die Resultate ans Massenkino: Lizenzproduktionen, Fortsetzungen, Aufgüsse immergleicher Strickmuster – grafisch oft betörend und gleichzeitig stupid. Die Kalkulation jedenfalls spricht gegen Kunst, gegen Verrücktes, gegen genialisch Unkonventionelles künftig noch mehr denn je.

Und die Positivbeispiele zeigen allesamt eins: Nicht die Rechenleistung, nicht die hoch gezüchtete Hardware machen ein fesselndes Digitalspiel aus. Lumines , der erfrischendste Starttitel für die PSP, ist ein kunterbunt-hypnotisches Puzzlespiel mit vergleichsweise schlichter Grafik. Der Importtitel Katamari Damacy führt eine kafkaeske Spielidee (an einem Knetgummiball bleiben immer größere Objekte haften, die man so durch Zimmer, Straßen, Städte rollen kann) schamlos pixelig vor, ohne dass das Spiel darunter leiden würde. Den Katamari -Nachfolger, das hat der japanische Hersteller in Leipzig angekündigt, wird es auch für den europäischen Markt geben.

Wissenschaftler sprechen vom ceiling effect , wenn sich weiterer Zuwachs einer Einflussgröße nicht mehr nennenswert aufs Ergebnis auswirkt. Vieles spricht dafür, dass Digitalspiele auf eine solche Sättigung zusteuern.

Das knuffigste, vielleicht außergewöhnlichste der in Leipzig vorgestellten Spiele ist Nintendogs für die tragbare Konsole Nintendo DS. Der japanische Hersteller hat als einziger unter den großen drei keine neue Hardware im Gepäck und präsentiert das auf Frauen zugeschnittene Hundespiel Nintendogs mit dem Fotomodell Eva Padberg als untypischer Sympathieträgerin. Nintendo sagt man zwar nach, im Wettkampf mit Sony und Microsoft technisch ins Hintertreffen geraten zu sein. Aber immer mehr spricht dafür, dass dies durchaus von Vorteil sein könnte.

 
Leser-Kommentare
  1. Was ist denn nun der Verriss? hat der Auto kein "schönes" Spiel gefunden oder hat er vergessen seine Kritik in den Artikel hinein zu schreiben? DA bin ich von der Zeit Besseres gewöhnt.

  2. Ich war auch auf der Games Convention und war ebenfalls enttäuscht, allerdings habe ich anderes zu bekritteln und kann einige Ansichten des Autors nicht ganz teilen. Natürlich sind Videospiele, die auf der GC vorgestellt werden, keine Kunst, sondern leicht verdaulicher Zeitvertreib für ein Massenpublikum. Stellen sie sich doch nur mal ein Spiel wie einen Film von Fassbinder vor! Was soll das denn werden? Eben genau das ist ja gar nicht der Sinn der Sache, also der Videospiele. Dass es ein paar Entwickler gibt, die behaupten, ihre Spiele wären Kunst, ist die alltägliche Großmannssucht, die man überall finden kann. Aber ein Potenzial ist durchaus vorhanden, z.B. in den Videosequenzen, die in manchen Spielen schon einige Stunden an Umfang annehmen, oder bei der Musik. Und Spiele, die trotz mangelhafter Grafik ein geniales Spielkonzept haben und damit auch erfolgreich sind, hat es immer viele gegeben und wird es immer geben. Mit den Schweinezyklen ist das nun so, aber die waren vor 10 Jahren noch viel größer. Man bedenke, dass sich der SNES fast 10 Jahre als Marktführer gehalten hatte. Eine aktuelle Konsole hat nur noch eine Lebenszeit von 4 bis 5 Jahren (Eine Nintendokonsole nur noch 3). (Überhaupt hat Nintendo sich mit seiner gesamten Präsenz auf der GC mal wieder (zu meinem Leidwesen) gegenüber seinen Konkurrenten erfolgreich ein Stück weiter ins Abseits manövriert, mit ihren Konzepten sowohl für Spiele als auch fürs Technische.) Und das Streben nach Erhöhung der Leistungsparameter, das bei den Desktop-PCs noch viel schlimmer, ja schon fast dekadent ist, ist ein wesentlicher und erwünschter Bestandteil der Marktdynamik. Außerdem liegt es ja gar nicht im Interesse weder des Konsolenherstellers noch des Spielentwicklers kurz nach Erscheinen einer neuen Konsole, ein technisch einwandfreies Spiel abzuliefern. Weder liegt das im Interesse noch ist es (mit einer deadline für Fertigstellung des Spiels im Nacken) ganz simpel. (Zu kompliziert war es beim Sega Saturn, der 2 Hauptplatinen besaß. Ein Widerspruch in sich.) Die Verkaufsstatistiken als Augenwischerei zu verwerfen, halte ich für unlogisch. Sie sprechen für sich selbst. Die Branche ist nun mal kein Kunstmarkt sondern eine Massenmarkt auf dem Niveau des deutschen Privatfernsehens oder eher noch darunter.

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  • Quelle (c) ZEIT online, 20.8.2005
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  • Schlagworte Informationstechnik | Hardware | Computer | Computerspiel
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