Amerikas Medien haben sich vor langer Zeit schon dem Superlativ ergeben. Jeder Schneesturm wird zum Blizzard, jeder Regen zur Flut, jeder Sturm zum Hurricane, jedes Natur-Spektakel zur Jahrhundert-Ereignis. Katastrophen lauern überall. Angst ist die Währung der Reporter. Sie erhöht die Einschaltquote. Wie gut, dass die Vereinigten Staaten ein ganzer Kontinent sind und sich irgendwo immer ein Desaster finden lässt. Die Verheerung (oder jedenfalls die Sorge davor) ernährt einen ganzen Fernseh-Sender, den Weather-Channel , und zeitweise auch alle anderen. Die konkurrieren dann um die Aufmerksamkeit der Ängstlichen mit noch mehr mutigen Reportern, die sich in den Sturm, die Fluten oder die Schneeflocken werfen. Wenn alljährlich im August die tropischen Stürme die Südküste des Landes überfallen, stehen die Nachrichten-Truppen bereit. Die Windjacken der Reporter stammen vom Arbeitgeber und zeigen dessen Logo. CNN nennt sich "Hurricane Hauptquartier" und wirbt mit 24stündiger Dauerberichterstattung, wenn so ein herrlicher Sturm das Land erreicht. "Be safe!", bring Dich in Sicherheit!, ruft eine geföhnte Moderatorin dem heldenhaften Reporter im Sturm zu - und die ganze Nation kann sich dem Schicksal des Berichterstatters nahe fühlen.

Üblicherweise kommt es nicht so schlimm wie berichtet. Der Blizzard wirft nur ein paar Schneeflocken nieder, die Flut bleibt unerkärlicherweise aus und der Sturm verliert im letzten Moment seine Kraft. Macht ja nichts. Die Leute haben eingeschaltet. Und soll man sich am Ende beschweren, dass es nicht zur Katastrophe kam?

So ist der amerikanische Medienkonsument zu einer abgehärteten Kreatur geworden, die Tartarenmeldungen nicht so ernst nimmt. Und, dummerweise, auch Aufforderungen zur Evakuierung nicht. Was also, wenn die Katastrophe (wirklich! ehrlich! großes Ehrenwort!) eintritt? Dann muss die seriöse Presse erst mal erklären, dass alles ganz anders ist und Katastrophen-Lust und Hysterie keine sind. Diesmal kein atemloses Reality-TV, sondern tatsächlich ein Desaster.

Katrina heißt der Hurricane, der über den Golf von Mexiko fegt und heute die Küste erreichen soll, unglücklicherweise dort, wo die meisten Menschen leben - in New Orleans. Die Meteorologen weisen dem Sturm die "Kategorie 5" zu. Schlimmer geht's nimmer. Nur dreimal im vergangenen Jahrhundert hat ein Hurricane dieser Stärke Amerika heimgesucht: 1935, 1969 und 1992. Andrew hieß der letzte Monster-Sturm. Er riss 23 Menschen in den Tot und verwüstete Floridas Landkreis Miami Dade. Bis heute stehen dort an manchen Stellen die Ruinen, und der Name Andrew wird seither keinem Sturm mehr verliehen. Dasselbe könnte dem Namen Katrina widerfahren. Seit der Stadtgründung fürchtet New Orleans "the big one", den Grossen. Immer hat die Stadt Glück gehabt. Mal traf ein Sturm, nie war er verheerend. Und wenn der Sturm mächtig war, mied er die Stadt, manchmal im letzten Moment. Diesmal sieht es, jedenfalls wenige Stunden vor der prognostizierten Ankunft am Strand, schlecht aus. Keine Anzeichen für eine Kursänderung, keine Anzeichen für eine Schwächephase des Sturms.

Die größte Bedrohung ist nicht der Wind, sondern die Flutwelle. Die Experten der Louisiana State University sprechen bereits von "Amerikas Tsunami". Acht Meter hoch, so fürchten sie, könnte die Welle werden. Nur fünf Meter hoch sind die Dämme rund um die Stadt. New Orleans ist auf drei Seiten von Wasser umschlossen: vom Meer, vom Delta des Mississippi und vom Lake Pontchartrain. Die Innenstadt wird "Badewanne" genannt. Sie liegt mehrere Meter unterhalb des Meeresspiegel. Wenn die Welle die Dämme überspült, was gegenwärtig unausweichlich erscheint, dürfte die gesamte Innenstadt unter Wasser stehen. Weil östlich der Stadt Raffinerien und andere Chemie-Anlagen stehen, könnte eine Brühe durch die Strassen spülen und Teile der historischen Altstadt mit dem berühmten französischen Viertel, seinen Jazz-Kneipen und Fress-Tempeln, wegspülen. Viele der Häuser sind 200 Jahre alt und aus Holz. Ray Nagin, der Bürgermeister, unkt schon jetzt vom "Wiederaufbau der Stadt".

Zuvor hat er allerdings die Evakuierung angeordnet. Den ganzen Tag lang zeigten die Fernsehsender Bilder verstopfter Autobahnen. Hunderttausende haben die Stadt verlassen. Seit Sonntag Mittag fliegt kein Flugzeug mehr. Mietwagen sind nicht zu bekommen. Die Firmen haben ihre Autos evakuiert. Drum stecken Tausende in der Stadt fest. Hotelzimmer sind nicht mehr zu bekommen. Die Gäste werden in den oberen Etagen untergebracht, im Sheraton Hotel beginnend im fünften Stock. "Horizontale Evakuierung" heißt die Methode. Zu hoch will allerdings niemand hinaus. Denn es steht zu befürchten, dass der Sturm die Dächer abdeckt. Im französischen Viertel, das gewöhnlich nie schließt, war am Sonntagabend noch eine Kneipe auf. Dort sammelten sich die verbliebenen Touristen zur "Hurricane-Party" samt Henkers-Mahlzeit. Inzwischen scheint auch diese Gaststätte geschlossen zu haben.

Mehr als ein Dutzend Notunterkünfte hat die Stadt New Orleans eingerichtet. Denn etwa 120.000 Bewohner, ein Zehntel der Bevölkerung der Region, besitzen kein Auto und kommen nicht weg. Rund 30.000 Menschen haben sich seit Sonntagnachmittag in der großen Salatschüssel der Stadt gesammelt. Das Stadion, der "Super Dome", heißt jetzt "Super Home". Der Bürgermeister nennt des "Hotel der letzten Hoffnung". Mit großen, wasserdichten Plastiksäcken sind die Menschen eingezogen. Drin sind Verpflegung, Wasser und Schlafsack. Zwei Nächte werden sie auf den Tribünen verbringen müssen. Das Spielfeld dürfte unter Wasser stehen. Verlassen werden sie das Stadion nicht. Das wird die Nationalgarde zu verhindern wissen. Wer das Stadion betreten wollte, musste eine Kontrolle wie am Flughafen über sich ergehen lassen. Waffen und Alkohol wurden einbehalten. Denn die Behörden fürchten, dass die anfänglich entspannte Stimmung umschlagen wird, wenn der Pegel steigt.

Die ersten Opfer hat Katrina schon gefordert. Drei Bewohner eines Altersheimes kamen bei der Evakuierung um. Es bleibt jetzt nur noch die vage Hoffnung, dass die Katastrophenmeldungen sich, wie so oft, im letzten Moment als Übertreibung herausstellen.