aktuell Kein Klima-Signal

Die diesjährige Hurrikan-Saison über dem Atlantik ist besonders aktiv. Das ist aber normal. Ein Kommentar

Der Reflex ist erlernt: Die bevorstehende Sturmkatastrophe am Golf von Mexiko
wird als Wirkung des Klimawandels gedeutet werden, oder doch als Zeichen, wenigstens als „Indiz“. Und es wird sich die Forderung anschließen, die Vereinigten Staaten mögen ihren Widerstand gegen die Klimaschutzpolitik aufgeben, wie sie im Kyoto-Protokoll verankert ist.

Es bietet sich freilich an, erst auf die Tatsachen zu blicken, bevor Forderungen
aus ihnen abgeleitet werden. Richtig ist, dass die gegenwärtige Hurrikan-Saison
besonders aktiv ist. Bis Ende November erwartet die amerikanische National Oceanic & Atmospheric Administration (NOAA) noch etliche weitere Stürme und Wirbelstürme, darunter drei bis vier große Hurrikanes. David L. Johnson, Chef des Wetterdienstes der NOAA, schätzt, dass diese Saison die neunte überdurchschnittlich intensive der vergangenen elf Jahre sein wird.

Überraschend ist das nicht. Die dramatische Aktivität dieser Tage entspricht ganz den Vorhersagen der NOAA vom vergangenen Frühjahr. Dass die Temperaturen an der Meeresoberfläche zur Zeit höher liegen als gewöhnlich, gilt als eine der Ursachen, sie geht einher mit anderen Wetterbesonderheiten. Zu einer solchen Zusammenballung mehrerer Faktoren kommt es allerdings in Zyklen, die 20 bis 30 Jahre dauern; erhöhte Aktivität im Atlantik geht übrigens mit einer Abschwächung des Sturmgeschehens in der pazifischen Hurrikan-Region einher.

Die NOAA vermutet, dass Wetterrisiken wie das gegenwärtige im Golf von Mexiko noch ein bis zwei Jahrzehnte andauern werden. In diesen Zyklen verschwindet das Signal, das von der allmählichen Erderwärmung ausgeht, nahezu vollständig. Sollten die Befürchtungen der Mehrheit unter den Klimaforschern zu recht bestehen, dann wird sich die Klimaänderung frühestens gegen Ende des 21. Jahrhunderts durch stärkere und regenreichere Hurrikane bemerkbar machen.

Ein Brief an das Wissenschaftsmagazin nature stellte vor wenigen Wochen die Theorie auf, die Klimaänderung bewirke zwar nicht eine größere Anzahl von Wirbelstürmen, wohl aber, dass deren Lebensdauer und damit die Summe ihrer Energieabgabe zunehme. Die Theorie beruht im Wesentlichen auf Rechenergebnissen und ist jetzt, wie es sich gehört, Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Sie kann jedenfalls noch lange nicht die Behauptung stützen, der Hurrikan Katrina bringe uns böse Botschaft vom Klimawandel. Und so berechtigt die Forderung nach Klimaschutz ist (ob mit oder ohne Kyoto), auf Dauer ist ihm nicht damit genützt, wenn jede Wetterkatastrophe zu seiner Begründung herhalten muss.

Irgendwann nämlich wird das Publikum abwinken wenn, wie im Märchen, der kleine Junge wieder „Wolf“ ruft.

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Leser-Kommentare
  1. Nachdem in den letzten Jahren imm schrillere "Wolf!"-Rufe zu hören waren, ist dieser Sättigungseffekt doch schon längst eingetreten. Und das zu Recht, denn eingestandenerweise haben etliche Beteiligte heftig übertrieben um politisch wirksam zu werden. Daß dies nicht lange gutgehen kann, war wohl nicht so wichtig. Leider werden die seriösen Teile der Wissenschaft in den Augen des Publikums mit desavouiert! Das wird uns noch schwer zu schaffen machen!

  2. ... mir das Lachen im Halse stecken. So viel Ignoranz habe ich selten gesehen, erinnert mich an "Die Titanic ist absolut unsinkbar", gesprochenen zu einer Zeit, wo das Schiff schon starke Schlagseite hat.

    • bierus
    • 29.08.2005 um 16:02 Uhr

    mal jemand, der sich an den meßbaren Fakten und nicht an Weltuntergangsphantasien orientiert. Und auch wenn es banal klingt, das Klima war noch nie konstant und beständig ist auch hier nur die Veränderung. Wir sollten uns also Gedanken machen wie wir mit diesen Veränderungen umgehen und wie wir deren Folgen abmildern können. Nun war das Suchen nach pragmatischen Lösungsansätzen noch nie eine Spezialität realitätsblinder Weltvebesserungs- und Menschheitsbeglückungsideologen. Wir werden aber auch diesmal nicht um diese Mühen herumkommen. Kyoto kann man in diesem Zusammenhang jedenfalls getrost vergessen. Hier wird mit gigantischem Aufwand außer Symbolpolitik nun wahrlich nichts erreicht.

  3. 12Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden. 13Da sprach Gott zu Noah: Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde.

    • Seldon
    • 29.08.2005 um 16:03 Uhr
    5. \N

    Wenn, wie im Märchen, beim ersten "Wolf"-Ruf alle Dorfbewohner aufgescheucht zur Hilfe eilen resp. ihre Klimaschädigungen einstellen würden, bräuchte man auch nicht so oft "Klimawandel!!!" rufen. Sowenig wie der regelmäßig abwesende Wolf dessen Inexistenz beweist, sowenig können wir uns darauf verlassen, daß sich schon noch alles in in "natürlichen Bahnen" bewegt.

  4. Hurrikane, Taifune, Oder-Elbe-Alpenfluten, Auftauen des Permafrostboden... Dieses Jahr der erste je registrierte Hurrikan vor Brasilien. Alle 3 Jahre ne Jahrhundertflut. Zufall? Wir werden jedes Jahr einen heftigeren Schlag ins Gesicht bekommen, und wenn wir unser Verhalten VOLLSTÄNDIG ändern, dauert es noch Jahre bis deren Folgen sich abmildern. Nur ich befürchte dass es dann zu spät ist. Dann hat die Natur sich der ungeliebten Spezies "Mensch" entledigt. Wenn ich mit Tempo 200 auf eine Mauer zurase, bremse ich und diskutiere nicht!
    Ein Naturwissenschaftler !

  5. Sehr objektiver Artikel !

    Da kann sich so mancher Kommentator, auch einige von der ZEIT, ein Stück abschneiden.

    Man lese nur einmal den heutigen Artikel in SPIEGEL Online.

    "Für viele Bewohner von New Orleans könnte der Hurrikan "Katrina" zur Katastrophe werden. Klimaforscher sehen sich in ihrer Meinung bestätigt: Die globale Erwärmung lässt die Zerstörungskraft von Wirbelstürmen immer größer werden."

    Faustus34

  6. Gero von Randow hätte bei NOAA noch ein wenig weiter recherchieren sollen. Dann wäre er vielleicht mit Sidney Levitus vom National Oceanographic Data Center in Kontakt gekommen. Levitus veröffentlichte 2000 und 2001 in "Science". Levitus, S., J. Antonov, T. P. Boyer, and C. Stephens (2000), Warming of the world ocean, Science, 287, 2225– 2229 bzw. Levitus, S., J. L. Antonov, J. Wang, T. L. Delworth, K. W. Dixon, and A. J. Broccoli (2001), Anthropogenic warming of Earth’s climate system,
    Science, 292, 267– 270. worin schon damals berechnete Zunahmen des Wärmegehalts insbesondere des Ozeans den menschlichen Treibhausgasen zugeschrieben wurden. Die neueste Veröffentlichung von Levitus zu diesem Thema: Levitus, S., J. I. Antonov, T. P. Boyer, 2005: Warming of the World Ocean, 1955-2003. Geophys. Res. Lett. , 32, L02604,doi:10.1029GL021592 illustriert sowohl die Varianz im Wärmegehalt des Ozeans als auch die Tatsache dass diese Varianz lediglich über einem generellen Trend des Anstiegs liegt. Der Tiefpunkt nach der letzten "Welle" in den Achtzigern lag auf gleicher Höhe wie der höchste Punkt der Welle der Sechziger. D.h. der Wärmegehalt könnte nie mehr auf den Punkt zurückfallen, auf dem der jetzige Anstieg Anfang der Neunziger angefangen hat -und ohne unser Zutun wäre er wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt auf einem wesentlich tieferen Niveau gewesen, sodass man keinesfalls
    davon sprechen kann, dass das Signal der menschlich verursachten Erderwärmung im natürlichen Zyklus untergehen würde. Der natürliche Zyklus ist für den Anstieg der letzten Jahre verantwortlich -dass der aber auf einem hohen Niveau begann haben wir uns selbst zuzuschreiben. Die zusätzlichen Informationen zeigen, dass gerade im Atlantik, und insbesondere im Nordatlantik eine überdurchschnittliche Erwärmung des Ozeans stattgefunden hat -gerade auch im Breitengrad-Bereich des Golfes von Mexiko.

    Als solches, auch und gerade wenn von Randow auf gegenwärtige Diskussionen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft hinweist, sollte man nicht vorzeitig Entwarnung geben. Dass das Problem dringlich ist, daran besteht bei keiner ernstzunehmenden Seite ein Zweifel. Selbst die europäische Ölindustrie hat sich ja zum Teil dazu entschlossen, dass es besser ist, für Kyoto zu sein als hinterher für die Schäden verantwortlich. Von Versicherungen und Rückversicherern ganz zu schweigen -die Münchner Rück unterstützt Kyoto seit langem. Beschwichtigung ist hier nicht angebracht.

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  • Serie cvd
  • Quelle (c) ZEIT online 29.8.2005
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