Duell Schröder-Merkel
Das Ganze blieb verborgen
Viel Taktik, etwas Strategie, und keine Wahrheit. kritisiert den Schlagabtausch der Kanzlerkandidaten
Eigentlich sind all die Polit-Talks, Wahlchecks und Duelle nur noch schwer zu ertragen. Diese geballte Rechthaberei ist auf Dauer so nervtötend wie die Haut auf der Milch. Nach 20 Minuten wollte ich schon abschalten, die ewig gleichen Argumente, Pointen aus dem Wahlkampfauftritt von vergangener Woche, Kameraführung und Bildausschnitte so aufregend, als würde man einem Gummibaum beim Wachsen zugucken. Beim prominenten Begleitpersonal befindet man sich sogar in einer Zeitschleife: Alice Schwarzer freut sich schon im ZDF auf das Duell (noch 14:32 min sagt der countdown-Zähler auf dem Sender, dann fliegen wir zum Mond, auf dem die Politik wohnt), da fragt sie sich auf RTL noch für 125.000 Euro, ob es Witzelsucht oder Spaßsyndrom heißt. Und Günter Jauch, der noch mit ihr leidet, sitzt im gleichen Moment schon bei Sabine Christiansen, die heute aber Thomas Roth heißt. Seltsame Welt des Fernsehens, das Vergangenheit und Zukunft in eins schalten kann.
Wenn man dann aber doch, aus staatsbürgerlichem Pflichtgefühl, 90 Minuten durchhält, muss man sagen: Respekt. Unsereiner erinnert sich noch mit Schrecken an seine mündliche Abiturprüfung, ein Fach, zwanzig Minuten, und nur ein paar Lehrer waren Zeuge. Und hier: Eineinhalb Stunden in der Mangel von Deutschlands Vorzeigejournalisten, Fragen zu Mikro- und Makro-Ökonomie, Ökologie, Steuerrecht, Gentechnologie, sogar der Stromverbrauch einer Aluminiumhütte kam zur Sprache und die Liebe. Wo steht eigentlich geschrieben, dass ein Bundeskanzler oder eine Kanzlerin über all das gleichermaßen Bescheid wissen muss? Wahrscheinlich werden Angela Merkel und Gerhard Schröder auch nach einer wie auch immer gearteten Steuerreform den Schuhkarton mit den ganzen Quittungen ihrem Steuerberater in die Hand drücken. So genau wollen die das bestimmt auch alles nicht wissen. Eben hier liegt das Kernproblem des TV-Duells: Niemand glaubt im Ernst, dass die beiden wirklich all das wissen und verstehen, was sie da erzählen. Das gibt ihrem Auftritt von vornherein etwas Unaufrichtiges, das sie nach Kräften zu kaschieren suchen.
Ihre Strategien ähneln sich dabei bis ins Detail. Beide tragen Schwarz, um sich dem Ernst der Lage würdig zu erweisen. Jede Farbe würde in dieser Stunde der Wahrheit frivol wirken. Beide beherrschen das herablassende Lächeln von der Seite: Ja, red Du nur , sagt es unmissverständlich. Und beide verhaspeln sich kurz in ihrer ersten Antwort. Doch das ist der einzige Tribut, den sie dem enormen Druck zollen. Der Rest ist fingerdicke Schminke von den guten Geistern in der Maske.
Und natürlich spielt das Geschlecht eine Rolle. Der Titelverteidiger kommt spät, redet permanent dazwischen (Moment mal!), versenkt gelegentlich die Linke in der Hosentasche: Seht her, das Ding gewinne ich mit einer Hand. Er gibt den entschlossenen Einzelkämpfer, bildet aus Zeigefinger und Daumen den typischen Ring des Insistierers, in dessen Schlinge wir geraten sollen. Als Mann kann er es sich sogar leisten, persönlich und emotional zu werden: Ich weiß, wo ich herkomme, sagt er, und dass er seine Frau liebt.
Die Herausforderin lässt ihn ausreden und vertraut erst spät auf sich selbst. Anfangs sagt sie immer wir und verweist aufs Wahlprogramm. Sie bevorzugt erhobene Hände im Predigerstil (das Pfarrhaus!), später kommt sogar ab und an eine geballte Faust dazu. Aber es dauert eine Stunde, bis Angela Merkel sich endlich bekennt: Ich als Bundeskanzlerin werde Und dann geht sie zum Angriff über, schärfer, als es wohl ihre eigenen Parteifreunde erwartet haben: Versprochen gebrochen: Das ist das Markenzeichen von rot-grün. - So dürfen Sie nicht reden! - Herr Schröder wird in 14 Tagen keine Rolle mehr spielen. Dürfte er so etwas über sie sagen? Den König des Ähhs aus München hat da übrigens längst jeder vergessen.
Beide Duellanten sind Meister der Abschweifung. Floskeln wie im Übrigen oder davon müssen wir doch wegkommen sind die Signale zum Abtauchen. Dagegen haben auch die schärfsten Journalistenfragen, die vor allem wieder einmal Peter Klöppel von RTL zu stellen wusste, keine Chance. Wenn Sie gestatten schwupps, sind sie weg. Dann kommt noch der Zahlentrick aus dem Grundzauberkasten der Politrethorik: Irgendwas behaupten, was kein Mensch auf die Schnelle kontrollieren oder gegenrechnen kann fertig ist die Simulation von Kompetenz. Diesen Wettkampf hat Schröder gewonnen mit jenen 17 % Lohnsteigerung, die es angeblich geben müsste, um die Kirchhofsche Reform zu finanzieren. Klingt super und ist auf Anhieb unwiderlegbar. Da wird des Kanzlers Team manche Nacht gerechnet haben, bis es auf diese Zahl kam.
- Datum 7.9.2005 - 12:26 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 4.9.2005
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Als noch unentschiedener Wähler mit leichter Tendenz zu Merkel gehöre ich sicher zur "Zielgruppe" des "Duells".
Vorab: Die "David"-Rolle, die Merkel immer zugestanden wird, finde ich unerträglich. Von einer Kanzlerin erwarte ich einfach, dass sie überzeugend auftreten kann. Wenn Merkel unsympathisch, unsicher oder eckig wirkt und/oder ihre Argumente nicht "herüberbringt", dann fehlt ihr eine wesentliche Qualifikation, Kanzlerin zu werden.
Insoweit war ich gestern positiv überrascht, da sich Merkel persönlich viel besser schlug, als erwartet.
Wichtiger für mich sind aber die vorgetragenen Argumente.
Und hier muss ich sagen, dass mir vor dem Duell nicht so deutlich war, dass die Union als wichtigstes und wohl auch einziges Instrument zur Schaffung von Arbeitsplätzen nur eine HOFFNUNG anbietet.
Die Hoffnung nämlich, dass die winzige Senkung von Lohnnebenkosten einige hunderttausend Arbeitsplätze schafft. Und natürlich viele hunderttausend weitere Arbeitsplätze durch das zu erwartende Wirtschaftswachstum entstehen.
Vielleicht hätte ich doch das Wahlprogramm lesen sollen ....
Natürlich dürfen alle Menschen eine Hoffnung haben, auch frau Merkel.
Wählen möchte ich aber keine Hoffnung, sondern einen fundierten Maßnahmenkatalog. Und zwar einen, der den Binnenmarkt wie3er auf die Beine bringt.
Da hier von Merkel nichts angeboten werden kann, werde ich die Union auch nicht wählen können.
TR
Ich kann die Punkte der Kritik von Herrn Siemes nachvollziehen. Meine Vorbehalte:
- Es ist nicht schlimm, wenn die Kanzlerkandidaten vorgeben, alles zu wissen.
- Herr Siemes schreibt, dass das System von Wirtschaftswachstum nicht mehr funktionieren könnte. Ich sage jedoch, dass Wachstum Bedingung ist für das Glück des Menschen, da er selbst und alles in ihm ja auch wächst.
Ein gut informierter Durchschnittsbürger hat keine Neuigkeiten aus dem "Duell" heraushören können. Nur - haben das denn viele erwartet? War es nicht wichtiger die Personen Merkel und Schröder agieren zu sehen, ihren non verbalen Ausdruck, ihre Reaktionen aufeinander. Das war für mich das Interessante. Politische Inhalte, da gabs nichts neues, aber es war aufschlussreich wie Merkel ihren Professor aus Heidelberg "verteidigt" hat. Was mich ein wenig störte war der Proporz zu Gunsten der Journalistik. Alles Hochkaräter, aber es waren zu viele. Es wollte keiner der grossen Programmanbieter zurückstehen. Einige Themen konnten aus zeitlichen Gründen nicht angesprochen werden. Das geht auf das Konto der vier Moderatoren. Ich bin davon überzeugt, dass zwei Moderatoren mehr Themen durchgebracht hätten.
Fazit: So ein Fernseh"Duell" der Politelefanten macht Sinn. Wenn wir vielen Bürgerinnen und Bürgern Politikverdrossenheit attestieren, dann müssen wir doch froh sein, wenn Millionen von Zuschauern wenigstens dieses Fernseh"Duell" anschauen.
Fabrizius
Die Frage, wem ich eher einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, ist nicht die Zentrale, wie sie Herr Jauch nach dem TV-Duell gestellt hat. Meine 1. Frage lautet eher, wem ich es eher zutrauen würde, sich für die Interessen Deutschlands auf dem internationalen Parkett einzusetzen und zu vertreten, d.h. wenn Bush, Blair & Co. an einem Tisch sitzen: Schröder, ganz klar. Unter Frau Merkel wird Deutschland zu einem Handlanger der USA (siehe Irak-Frage) und da ist weit und breit keine Kompetenz bei Schwarz-Gelb. Zum Thema Arbeit sollten alle großen Parteien ran, weil keine Partei das Problem alleine lösen kann. Ich finde es schade wie die Medien ihre Objektivität verloren haben oder in dieser Wahl-Maschinerie instrumentalisiert werden: Klarer hat Herr Schröder in dem TV-Duell nicht gewinnen können und da versuchen die Medien mit aller Gewalt noch einen Vorteil für Frau Merkel den Wählern einzureden. Glaubwürdigkeit, Steuern, Rente, Familie, Bildung, Energie wie viele Aspekte soll Herr Schröder denn noch dominieren (statistisch in Blitzumfragen auch noch unterstützt). Von wegen "auf gleicher Augenhöhe"; wohlwissend stellt sich Frau Merkel keinem 2. TV-Duell, um die Themen zu vertiefen. Jetzt muss ich auch noch in die Buchhandlung rennen, weil Frau Merkel keine Antworten z.B. zu den Steuer-Ausnahmen liefern wollte. Bei aller propagierten Wechselstimmung, ich hoffe die Medien und Wähler vergessen nicht, dass ein Wahlsieg von Schwarz-Gelb auch bedeuten würde: Koch, Schäuble & Co. aus der Steinzeit als Dream-Team an der Macht.
"Da ist es wieder, das große schwarze Loch dieses ganzen Wahlkampfs, über das keiner reden will: Was, wenn das auf Wachstum gebaute System als Ganzes nicht mehr funktioniert?" schreibt Herr Siemes. Und stimmt damit ein in den deutschen Heuschrecken-Sonderwegs-Gesang.
Nach dem Jessen-Debakel (http://streiflicht.blogso...) wartet man ja schon fast darauf, dass in einem "liberalen" Blatt erklärt wird, dass der Kapitalismus dahinsiecht.
Das haben wir gern: Die Marktwirtschaft mit überbordender Bürokratie, sozialistischen Neiddebatten und ideologischen Fesseln abtöten. Und sie dann als nicht lebensfähig erklären.
Es war sehr unangenehm, wie Schröder sich als Machochef aufgespielt hat. Erstaunlicherweise kann man heute morgen überall lesen, dass die Zuschauer ihn dabei "sympathisch" fanden.
Vielleicht bin ich einfach schon zu lange im Ausland; in Frankreich jedenfalls wäre Schröders Gebaren nicht gut angekommen (auch nicht bei Männern). Auch das paternalistische "ich will Deutschland führen..." - schade, dass er das nötig hatte; seine Argumente waren die besseren, das hätte gereicht.
Alles, was die Kandidaten sagen, sei vorauszusehen. Das weiß die journalistische Begleitmusik.
Alles, was Journalisten musizieren, meint man sagen zu können in diesen überraschungslosen Zeiten, ist voraussehbar.
Dies ist gelegentlich sicherlich überheblich, trotz alledem feststellbar. Den Brei, zu dem diese zum Duell überhöhte Talkshow gerührt, auch noch als Nichtereignis wieder herunterzujubeln, läßt vermuten, daß medial zweimal verdient wird - wenn das nicht auch etwas mit der Qualität der Politik zu tun hat, egal nach welcher Farbenlehre.
Wenn Bundeskanzler Schröder gegenüber der herausfordernden Spitzenkandidatin der Opposition kompetenter, sympathischer und glaubwürdiger dasteht, ist der Tenor, daß von dem aalglatten Showman Schröder nichts anderes zu erwarten war.
Wenn die Vorsitzende Merkel der CDU, ihre Fäuste gegen den Amtsinhaber ballt, dann wird sie zum David gegen Goliath hinaufgeschrieben.
Ich bin heute froh, Ende der siebziger Jahre einen vom aufklärerischen Bildungsideal geprägten Deutschunterricht genossen zu haben, der ohne sozialdemokratische Visionen nicht möglich gewesen wäre.
Mit freundlichem Gruß
Urban Hilgers
Wieso hängt von dieser Wahl das Schicksal der Bundesrepublik ab? Parteiübergreifend sind alle davon überzeugt, dass allein Wachstum die Bundesrepublik noch retten kann. Diese Priorität der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen - das ist doch wohl mit Wachstum gemeint - wurde besonders deutlich, als Frau Merkel erklärte, wir müssten für Wachstum sein, damit wir unsere Werte bewahren können. Sie ist also der Meinung, dass Werte nur dann etwas wert sind, wenn als bedingende Voraussetzung materieller Wohlstand, wenn nicht sogar Reichtum gegeben ist. Was sind aber Werte wert, die nur Funktionen materieller Umstände und Bedingungen sind, und sobald die den Wünschen der Mehrheit entsprechend nicht realisiert werden können, nichts mehr wert sind? Die Werte scheinen also trotz aller inständiger Wertbeschwörungen wenig oder gar nichts wert zu sein!
Richtig ist, wenn Frau Merkel von der Notwendigkeit einer Neugründung der Bundesrepublik spricht. Aber eine solche Neugründung ist mit Sozialtechnik und mit einigen nationalen Wendungen, wie mit der Erwähnung des Kampfes für den Religionsunterricht und dem Wort Vaterland, ganz sicher nicht zu schaffen. Die Neugründung der Bundesrepublik setzt eine fundamentale, auch geistig-kulturell entwickelte Konzeption voraus und müsste daran anschließen, wohin auch ein immer stärker werdender Trend in der jüngeren, aber auch in der älteren Generation geht: dem Bedürfnis nach traditionellen, konservativen Werten. Davon war aber im Wahlkampf und im TV-Duell überhaupt nicht die Rede. Die Erklärung, dass die materiellen Bedingungen in letzter Instanz die auch alles andere bestimmenden Bedingungen sind, folgt dem klassischen Satz von Engels: In letzter Instanz entscheiden die materiellen Umstände und Bedingungen.
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