E-Mail aus berlin Duell subjektiv
Der Zirkus rund um den Zirkus – Vom Medien-Stelldichein am Sonntagabend. Corinna Emundts kommentiert den Wahlkampf, Tag für Tag

Es ist dann doch nach Mitternacht geworden, was zeigt, dass der inzestuöse Politik-Medien-Abend um das TV-Duell herum doch mehr Sinnhaftigkeit hatte als erwartet. Noch zur Geisterstunde stand die CDU-Hoffnung Norbert Röttgen am Buffet und diskutierte mit dem
Tagesspiegel
, der eine fünfköpfige Mannschaft zum Ereignis entsandt hatte. Einen Tisch weiter genoss CSU-Landesgruppenführer Michael Glos beim Rotwein die Aufmerksamkeit der Medien.
Erst zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hatte es ein Fernsehduell der Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien nach amerikanischem Vorbild gegeben. Und doch fühlte sich der Abend schon sehr ritualisiert an. Am Wochenende hatten Umfrageinstitute ermittelt, dass der Schaukampf via Television auf großes Wählerinteresse stoßen würde. Rückwirkend für 2002 haben die Wahlforscher gemeint zu erkennen, dass die TV-Duelle zwischen Stoiber und Schröder damals durchaus wahlbeeinflussend gewirkt hatten. Wir sind also eine Mediokratie geworden.
Dabei hatte man sich vorher gefragt, weshalb eigentlich achthundert bis tausend Medienleute (je nach dem, ob man die Technik dazu zählt) sonntagabends in den östlichsten Osten Berlins fahren - fast bis zum Beginn der Autobahn nach Dresden - um auf dem ehemaligen DDR-Forschungsgelände (das einst auch den Arbeitsplatz der Physikerin Angela Merkel beherbergte) eine großformatige Live-Übertragung zu sehen, die man genauso gut in Berlin-Mitte, Wiesbaden oder München hätte anschauen können, in der Journalistenhalle G streng getrennt von dem hermetisch abgeriegelten TV-Studio D, das ganz ohne Publikum auskommen musste. In der Halle G hingegen war die Beleuchtung bunt, Zuschauerränge mit Kissen und Ikea-Tischchen aufgestellt, bunt beleuchtet wie eine Zirkusarena, an den Stehtischen gab es bunte M&M-Schokoerdnüsse in allen Parteifarben und vor der Tür ein opulentes Buffet. In der Halle D hatten alle vier Duell-Sender eigene Moderationsbühnen für die Wahlnachbetrachtung aufgebaut, und man konnte von den Bänken aus in diese kleinen Studiokästchen der Anne Will und des Peter Hahne schauen wie im Tiergarten. Die Halle hätte auch auf dem Mond sein können, so stadt- und weltfern fühlte sie sich an. Warum also hier sein?
Nun, weil hier die Musik spielte - vor dem Duell und erst recht danach, als Merkel und Schröder noch nicht einmal ihre Schlussworte im Studio nebenan gesprochen hatten. Denn da begann schon in Halle G ein viel aufwändigerer Kampf, der um die Deutungshoheit.
Innenminister Otto Schily hatte seine griechische Beruhigungskette mit silbernen Perlen, an der seine Finger beim Betrachten der neunzig Minuten immer gespielt hatten, wieder in die Jackentasche gesteckt und war schon umringt von Journalisten. Sein Nachbar, Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, zum Ende der zweiten Legislaturperiode ungewohnt leutselig geworden, hörte interessiert zu. Zur gleichen Zeit die gleiche Szenerie - kleine Grüppchen mit Grünen-Bütikofer, SPD-Müntefering, FDP-Niebel (FDP-Chef Westerwelle fehlte interessanterweise), mit CDU-Röttgen. Die Spindoktoren des Jahres 2002, Matthias Machnig und Michael Spreng, gaben ihren Senf zur Lage und ebenso die bissigsten Kommentatoren der Printmedien, Kurt Kister und Hans-Ulrich Jörges - mal mit, mal ohne Kamera -, in trauter Eintracht mit der Merkel-Sympathisantin Alice Schwarzer.
Wegen der Patt-Situation des Duells, das kein Duell war, beanspruchte jede Partei in der Halle am Ende den Vorteil für sich.
Seltsamerweise war die erste Einschätzung der versammelten Meinungsmacher eher die, dass Merkel den besseren Auftritt hatte - ganz im Gegensatz zu den allmählich per SMS eintreffenden Blitzumfragen, die Schröder einen "Sieg" zusprachen. "Blitzumfragen bringen gar nichts", schimpfte Renate Köcher vom Demoskopie-Institut Allensbach, die uns von einem Unionssprecher freundlich ans Herz gelegt wurde. Die Meinungen der Wähler über die beiden Kandidaten nach dem Duell entstünden erst im Gespräch mit anderen in der Familie und am Arbeitsplatz in den darauffolgenden Tagen. Ihr Urteil jedoch war bereits gefällt: "Schröder hat sich im Duell selbst nicht gefunden, Merkel war ihm absolut gewachsen." Sie habe ihre hohen Werte bei Intelligenz, Führungsstärke und Kompetenz noch einmal bestätigen können, sagte Köcher
ZEIT online
. Ihr zur Seite stand ein kopfschüttelnder ehemaliger ZDF-Intendant, nebenbei einer der klügsten Medienexperten des Landes. Dieter Stolte sagte, die Umfrage-Sucht habe ihn schon in seiner damaligen Amtszeit genervt, "heutzutage fragt man ja alles ab, man fragt Dicke und Dünne, Schwule und Verheiratete".
- Datum 01.04.2009 - 07:37 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 5.9.2005
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Kann das sein? Ist es tatsächlich nur mir aufgefallen, dass man die ganze Sache auch umgekehrt betrachten kann?
Schön für die Presse, wenn sie eine Lehrstunde in Subjektive Wahrnehmung erlebt. Aber was ist berichtenswer an der Tatsache, dass über die "Sinnlosigkeit, einen objektiven Sieger beim Duell finden zu wollen, Konsens" herrschte? Hatte ich mir nicht gerade erklären lassen, die Zeiten der "Meinungsmacher" seien vorbei? Die Presse lebt nun einmal davon, dass sie die Basis für den öffentlichen Diskurs abgibt. Künftig wird sie diese Rolle ausbauen. Sie wird wohl zunehmend gleichzeitig Forum der Artikulation derer sein, die nicht fürs Kommentiern bezahlt werden. Die ZEIT möchte, wenn ich das recht verstehe, hierbei Vorreiter sein. Diese Entwicklung finde ich richtig und unterstützenswert. Vom TV-Duell kann ich das nicht behaupten.
Wenn sich "die wahre Bedeutung dieser seltenen Begegnung Merkel-Schröder erst in ein paar Tagen zeigen wird", so liegt das nicht zuletzte daran, dass bis dahin Hunderte von Komentaren kommentiert worden sein werden. Auch und gerade in der Presse. Warum sonst hätte man "achthundert bis tausend Medienleute (je nach dem, ob man die Technik dazu zählt) sonntagabends in den östlichsten Osten Berlins fahren" lassen sollen? Warum sollte man ein derart gesteigerter Wert darauf legen festzustellen, dass die "Nachbereitung" des Duells (bei Sekt und Schnittchen) weit nach Mittrenacht endete? (Einen Belege für die Sinnhaftigkeit einer Veranstaltung kann ich übrigens in ihrem späten Ende nicht unbedingt erkennen.)
Ich will damit sagen: Wenn eine Presse über Wochen daran arbeitet, dem Wähler zu sugerieren, der US-Wahlkampf sei für Deutschland so etwas wie ein Muster und müsse - angepasst an deutsche Verhältnisse - unbedingt übertragen werden (und sei es auch nur wegen der Notwendigkeit der breitesten Diskussion der Körpersprache der Duellanten), sollte sie im Nachhinein nicht auch noch Überraschung heucheln, wenn ihr der Wähler in seiner Kritiklosigkeit diesen Senf schließlich abkauft. Die Unglaubwürdigkeit der Duell-Kandidaten könnte anderenfalls auf sie abfärben.
Herrn Stolte, die Verkörperung der Vereinbarkeit von privater und öffentlich- rechtlicher Medienwelt (ZDF,SAT 1 und Zulieferindustrie) bei freimütiger Publikumsbeschimpfung ertappt! - Er selbst rechnet sich zu jenen, die man befragen muss und müsste, Sie tun ihm den Gefallen.
Sehr geehrte Frau Emundts, wenn Sie einmal die Kommentare und Zitate der Personenriege ausblenden, die Sie erwähnen, und dann selbst ausfüllen, was Sie als Antworten erwarten würden, käme genau das heraus, was Ihnen aufgefallen ist. So einfach ist das.
Da halte ich mich doch lieber an die empirisch ausgewählte Zuseherschaft der Meinungsforscher.
Kurze Anmerkung zur Geografie Berlins:
Adlershof liegt nicht so weit östlich, wie der Autor zu glauben scheint, sondern im Südosten von Berlin. Dresden liegt ebenfalls nicht östlich, sondern im Süden von Berlin. Oder war der "Osten" metaphorisch gemeint? Dann habe ich es wohl nicht verstanden. Bin halt ein Frustrierter.
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