New Orleans
Die Macht der Bilder
Rassenunruhen im Überschwemmungsgebiet? Tausende, meist Schwarze, kämpfen ums Überleben und fühlen sich von den Mächtigen verlassen - nicht zum ersten Mal
Überflutete Häuser, Chaos in den Notunterkünften, Leichen in den Straßen, Plünderungen - der Mensch als Wolf des Menschen. Türen wurden aufgebrochen, Geschäfte leer geräumt, marodierende Schwarze schnitten Leichen Finger ab, um Eheringe zu stehlen. Die Meldungen aus dem Katastrophengebiet an der amerikanischen Golfküste lassen die Öffentlichkeit schaudern. New Orleans August 2005? Nein, Galveston, im Jahre 1900. Ein Sturm hatte große Teile der texanischen Hafenstadt zerstört und mehr als 6.000 Menschen getötet. Soweit die Fakten.
Was die Schändung der Leichen betraf: Sie hatte nie stattgefunden. Gerüchte waren mit rassistischen Vorurteilen verrührt und zu Horrorgeschichten hochgekocht worden - ähnlich wie elf Jahre zuvor, als eine horrende Flut in Johnstown, einer Arbeiterstadt in Pennsylvania, unzählige Menschen in den Tod riss. Auch damals dichtete die Presse der Umwelttragödie menschliche Schurken dazu. In diesem Fall waren es Immigranten, die "betrunken, tanzend, fluchend und prügelnd" durch die Ruinen gezogen sein und Frauenleichen die Ringfinger abgeschnitten haben sollen.
David Brooks, Kolumnist der
New York Times
, hatte kurz nach den ersten Fernsehbildern aus dem ruinierten New Orleans an Johnstown und Galveston erinnert; und damit an einen journalistischen Merksatz, den die Medien bei Katastrophen allzu schnell vergessen: Nichts glauben, was man nicht selbst gesehen hat - und alles für möglich halten.
Wie viel Gewalt sich die Zurückgebliebenen in dieser Flut tatsächlich angetan haben, wird, wenn überhaupt, erst in ein paar Wochen oder Monaten zu überprüfen sein. Es wurde geplündert - meist wahrscheinlich aus schierer Not. Es hat Schüsse auf Helikopter gegeben - nach Aussage eines Polizisten von Männern abgefeuert, die eine Rettung ihrer Familien erzwingen wollten. Es hat Gewaltkriminalität gegeben - oft verübt von Drogenabhängigen, die plötzlich von ihrem Nachschub abgeschnitten waren. Es hat ebenso unzählige Akte der Hilfe, der Solidarität untereinander gegeben. Bloß wusste man beim Geschrei so vieler Politiker nach "Kriegsrecht" und "Schießbefehl" oft nicht mehr, worum es eigentlich ging: um die Not von Hurrikan-Opfern oder um den Ausbruch von "Rassenunruhen".
Nein, die überwiegend schwarzen Flutopfer von New Orleans waren beileibe nicht so diszipliniert, engagiert und eloquent vor der Kamera wie die New Yorker nach dem 11. September 2001, mit denen sie verglichen worden sind. Sie sind bitterarm, sind nach Tagen und Nächten im eigenen Müll gedemütigt und sie sind wütend. Sie verfluchen die Gouverneurin, den Präsidenten, den Bürgermeister, und sagen oft "
Fuck
" vor der Kamera.
- Datum 1.9.2008 - 09:49 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, September 2005
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