New Orleans Die Macht der BilderSeite 2/2
Sie haben eine ganze Stadt verloren. Sie kämpften - und kämpfen immer noch - um ihr Überleben. Sie waren von der Außenwelt völlig abgeschnitten und sind es teilweise immer noch. Die Versprechungen der Politiker, die Anteilnahme der Öffentlichkeit konnten sie weder sehen noch hören, weil kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon mehr funktionierte. Sie fühlten sich ihrem Schicksal überlassen.
So manche mögen sich auch der Geschichten über eine andere Flutkatastrophe erinnert haben. 1927 hatte der Mississippi weite Landstriche überflutet und 700.000 Menschen, darunter 330.000 Afroamerikaner, obdachlos gemacht. Damals ließen die zuständigen Politiker Wohngegenden der Armen und Mittelschichtler fluten, um die Stadt selbst zu retten. Schwarze wurden mit vorgehaltener Waffe zum Dammbau zusammengetrieben, durften nicht fliehen, obwohl das Wasser weiter stieg. Tausende andere wurden - halb Flüchtlinge, halb Gefangene - in
relief camps
verfrachtet. Die aus Washington versprochene Hilfe versickerte irgendwo.
Die simmernde Wut verhalf damals einen ebenso populistischen wie machtbesessenen Politiker namens Huey Long zum Amt des Gouverneurs. Long verstand unter Wiederaufbau auch den Kampf gegen Armut. Wie heute setzte er ebenfalls die Nationalgarde ein - allerdings zum Marsch auf die Ölfelder von "Standard Oil", weil der Konzern die neue Steuer zur Finanzierung von Schulmitteln nicht bezahlen wollte. Die "große Flut" mit ihren politischen Folgen in Louisiana gilt als eines der Ereignisse, die den Boden für den
new deal
bereiteten und damit für eine andere, sozial starke Rolle des Staates. Ein neuer Huey Long ist nicht in Sicht. Doch die politischen Folgen dieser Katastrophe sind noch lange nicht abzusehen.
- Datum 01.09.2008 - 10:49 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, September 2005
- Kommentare 2
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Gegen die Bildermacht hilft das gut gemachte Wort und eine
zuverlässige Erinnerung. Dafür Dank an Sie, Frau Böhm.
Gratulation zu diesem Artikel, der sich wohltuend von den Kommentaren der Konkurrenz abhebt!
Allzu oft werden die Opfer von New Orleans als Primitive dargestellt, die die Folgen des Hurrikans zum Plündern nutzen. Vielleicht würde die Situation in Deutschland weniger eskalieren, weil hier weniger Privatpersonen mit Schußwaffen ausgerüstet sind.
Frage: Was würden Sie nach einer solchen Katastrophe tun? Wenn Sie seit Tagen nichts gegessen hätten, wenn Ihre Kinder seit Tagen nichts gegessen hätten? Würden Sie an einem Lebensmittelgeschäft vorbeitgehen, bloß weil der Besitzer ein "Geschlossen"-Schild an die Tür gehängt hat, bevor er die Stadt verlassen hat?
Stefan Wimmelbücker